Südafrika
Südafrika, das Land am Kap ist -wie die Werbung verspricht- eine ganze Welt in einem Land. Von der Wüste bis zu tropischen Gewässern, von Stadtzentren bis zu einsamen Berggipfeln hat dieses Land alles zu bieten. Eine touristische Infrastruktur auf europäischem Niveau verwöhnt den Reisenden. Und wenn einen auch öfters das Gefühl des "déja vu" beschleicht, die Urlaubsfreude ist in Südafrika nahezu grenzenlos. "Südafrika, ein europäisches Land?" Nun, ganz so ist es sicherlich nicht. Je weiter man sich aus der Kapregion hinaus bewegt, um so geringer wird der europäische Einfluss, desto stärker finden sich wieder afrikanische Elemente im Alltag der Menschen. Südafrika liegt weder in Europa, noch liegt das Land am Kap in Afrika. Südafrika hat seine eigene, besondere Geschichte und bietet ein unglaublich breites Spektrum an Lebenskultur. Südafrika ist eine ganze Welt in einem Land. In jeder Hinsicht, auch was seine Geschichte betrifft.
Die Kalahari begrüsst uns mit glutroten Sanddünen und einer aussergewöhnlichen Tierwelt. Uns fallen umgehend die grossartig gebauten Nester der Webervögel auf. Unter nur einer ihrer Bauten verschwindet manchmal ein ganzer Baum. Besonders kunstvoll sind die Nester gestaltet, wenn sie an einem einzelnen Telegrafenmast Halt finden. Dass die gewebte Gras- und Strohkonstruktion überhaupt zusammenhält, ist bereits ein kleines Wunder der Natur.
Nicht weniger fasziniert sind wir von der Fähigkeit der kleinen, gelben Vögel, den jeweils richtigen Eingang zu ihrem persönlichen Nest zu finden. Die Gemeinschaftsnester beherbergen oftmals mehr als einhundert Brutpaare!
Wir sitzen im Wagen und beobachten das schaurig schöne Schauspiel, welches uns der Gepard bietet, als er die Antilope verspeist. Auch wir beissen in unser Käsesandwich und freuen uns über das Ereignis. Dabei beobachten wir das Tier so intensiv, dass wir erst mit einem Donnerschlag auf die plötzlich aufgezogene Wetteränderung aufmerksam werden. Von Osten her färbt sich der Himmel tiefschwarz. Grelle Blitze zucken zu Boden. Nach einem heftigen Windstoss klatschen die ersten dicken Regentropfen auf den Wagen. Der Himmel öffnet seine Schleusen und ein Vorhang aus schweren Wassertropfen umschliesst unseren Wagen. Wir können nicht einmal mehr den 25 Meter entfernten Geparden erkennen, so heftig regnet es. Regen in der Kalahari. Der erste Regen seit mehreren Jahren!
Der Park atmet auf. Einige der Bohrlöcher, aus denen die Wasserstellen für die Tiere gespeist werden, waren bereits ausgetrocknet. Der Regen trommelt auf das Blech des Wagens. Dann beginnt es laut zu knallen. Einmal, mehrmals, andauernd. Der Himmel sendet nun Hagelkörner zu Boden. Haselnussgrosse Eisstücke prasseln auf uns und die Umgebung nieder. Der rote Sand der Kalahari bekommt ein lustiges Pünktchenmuster. Den Geparden stört das alles herzlich wenig. Obwohl völlig durchnässt, kaut er noch immer genüsslich auf seiner Beute herum. Für einen kurzen Moment reisst der Himmel auf und die Sonne sendet einen grellen Lichtstrahl über die verregnete Wüste.
Die Magie der Natur berührt uns tief, als ein kleiner Regenbogen über dem Baum steht, unter dem "unser" Gepard liegt. Schon dreissig Sekunden später donnert der nächste Wasserschwall auf uns herab. Unglaublich, aber eine halbe Minute kann für die totale Erfüllung zweier Menschen sorgen.
Wir erleben das Namaqualand als einen unbeschreiblichen, riesigen Blütentraum. Nachdem zunächst nur einzelne Blumeninseln den leblosen Boden am Fahrbahnrand durchbrechen, zwingt uns die Aussicht von der nächsten Strassenkuppe zum halten. Uns stockt der Atem. Der Horizont ist von der Farbenpracht unzähliger Blumen erfüllt, die die Steinlandschaft wie ein dicht geknüpfter Teppich überdecken. Wir rennen vom Strassendamm hinab und stürzen uns in die grenzenlose Farbenpracht. In den Blumenfeldern verirren sich unsere Sinne. Düfte, Farben und Vogelstimmen zeugen vom ungebremsten Leben. Nach der Einförmigkeit der Wüste explodiert das Leben förmlich vor unseren Augen. Mit jedem Schritt, mit jedem Blick finden wir eine neue Blumenart, eine neue Farbe, eine neue Form. Im Hester Malan Park bei Springbock ist der Blumenteppich schliesslich so dicht und einzigartig, dass wir meinen, die Stelle gefunden zu haben, an der der Regenbogen aus der Erde wächst.
Noch herrscht die Nacht, aber wir sind bereits wach. Das Gezwitscher der Vögel dringt zunächst leise und zaghaft durch die Zeltwände. Der Himmel beginnt sich zu verfärben. Auch Grillen und andere Insekten erheben ihre Stimmen und fallen in den harmonischen Chor ein. Die ersten Sonnenstrahlen blitzen über den kleinen Hügel und ermuntern uns, aufzustehen. Ich öffne den Reissverschluss und ein Konzert von Tierstimmen begrüsst mit uns den neuen Tag. Etwas ungelenk krabbeln wir aus unserem Hochbett, steigen die kalten Leiterstufen herab und stehen alsbald barfuss auf dem taubenetzten Gras. Unsere Tage beginnen bei makellosem Wetter gegen fünf Uhr. Das hört sich fürchterlich früh an, aber während der Reise wird unser Leben vom Lauf der Sonne bestimmt und die geht im Osten Südafrikas sehr früh auf. Südafrika, obwohl in seiner Ost-West-Ausdehnung riesig, unterhält nur eine Zeitzone! Die Temperaturen am frühen Morgen sind so angenehm, dass wir die ersten Stunden des Tages für Aktivitäten nutzen. Nach dem ausgezeichneten Frühstück wandern wir umher und geniessen einsame Sandstrände, glasklares Wasser, beobachten Antilopen, Zebras, Affen und die im Morgentau glitzernden Spinnennetze. Die Luft ist von einem süsslichen Duft erfüllt, als sich die Blüten der Bäume und Blumen öffnen. Grenzenlose Freude erfüllt uns, diesen Fleck Erde gefunden zu haben.
Wir wollen über den Sani Pass nach Lesotho und einige Zeit jeglicher Zivilisation fernbleiben. Unterhalb der Passhöhe liegt die Sani Lodge. Objektiv betrachtet ist dieses Back-packer Hostel ein ausgebauter Ziegenstall, der aber durch die Bemühungen seiner beiden Besitzer, die mit Kuchen und Getränken aufwarten, sein Geld wert ist. Als Dreingabe gibt es zudem die Gesichter der Neuankömmlinge gratis zu sehen. Denn niemand kann so recht fassen, wie jemand so frech sein kann, eine solche Bruchbude "Lodge" zu nennen. Wir treffen uns mit zwei Schweizern, die wir mit ihrem gemieteten Mazda Allrad vor Monaten am Fish River Canyon getroffen hatten. Mit 3400 Metern Höhe ist der Sani Pass eine der höchsten Strassen in Afrika. Die Aussicht ist zwar etwas von Wolken versperrt, aber an der Kälte merken wir, wie hoch wir sind. Zudem geht in der Höhe Gustavs 88 Pferdchen recht schnell die Luft aus. Eine dicke, schwarze Russwolke bedingt, dass Ursi und Thomas zum Pass vorfahren.
Das Leben auf dem Dach Afrikas verläuft so unglaublich anders, als der Alltag imnur wenige Kilometer entfernten Südafrika. Die wichtigsten Transportmittel Lesothos sind auch heute noch Pferde und Esel. Immer wieder kreuzen kleine Karawanen und freundliche Menschen unseren Weg. Trotz der empfindlichen Kälte sind die Frauen nur in bunte Tücher gehüllt. Die Männer sind zumeist mit einem Lendenschurz bekleidet und werden nur von einer Decke oder einem Fell über die Schulter vor dem Wetter geschützt. Die Abgeschiedenheit der Berge Lesothos und die ehemals abgeschlossene Lage - vollkommen von Südafrika umgeben - haben den Menschen ermöglicht, noch heute nach alten Traditionen zu leben. Erstaunt stellen wir fest, in einer der ursprünglichsten Regionen Afrikas gelandet zu sein.
Wir bleiben einige Zeit in Natal. Besonders begeistern uns in diesem Teil des Landes die kleineren Nationalparks. Wobei wir den Itala Park zu unserem persönlichen Favoriten in Südafrika erklären. Hier haben wir aussergewöhnlich nahe Erlebnisse mit Giraffen und Breitmaulnashörnern. Von den gut 1300 Nashörnern im Park sehen wir jeden Tag rund fünfzig, auch aus nächster Nähe. Der urige Campingplatz im Park ist nicht eingezäunt und so sind wir nicht verwundert, als ein kurzsichtiges Nashorn unseren Gustav für einen Artgenossen hält und erst wenige Meter vor uns ganz verschrocken wieder wegrennt. "Huch, das war doch ein Auto."
Die Ausmasse des Krüger Parks passen in keine europäische Vorstellung. Auf einer Länge von 350 Kilometer belegt der Park einen gut 60 Kilometer breiten Streifen entlang der mosambikanischen Grenze. Neben den gigantischen Abmessungen ist es aber vor allem das dichte Strassen- und Pistennetz, das den Park nicht als Park, sondern als unbeschränkte Natur erscheinen lässt. Gut 2000 Kilometer fahren wir in den 14 Tagen unseres Besuchs, wobei wir die gleiche Piste nur selten zwei Mal befahren. Der Park erstreckt sich aus der gemässigten Zone bis in die Ausläufer der Tropen. Die Vielfalt der Landschaft bedingt aber auch, dass man jetzt in der Regenzeit im Park viel umherfahren muss, um Tiere zu sehen.
So bequem wie im Etosha-Park kann man hier an keinem Wasserloch warten.Bei den Fahrten durch den Krüger-Park treffen wir des öfteren auf Fussgänger. Nach unserer ersten Verwunderung, dass die Einheimischen doch nicht so töricht sein können, frei im Park umherzulaufen, haben wir bald begriffen, dass es sich bei diesen Leuten um illegale Einwanderer aus Mosambik handelt. Wie gross muss die Verzweiflung dieser Menschen sein, sich dem Risiko auszusetzen, unbewaffnet quer durch den Park zu laufen? Wie wir von Rangern später erfahren, werden täglich Leute aufgegriffen und nach Mosambik zurückgebracht. Einige aber schaffen es tatsächlich, über den Park nach Südafrika einzureisen. Andere dagegen werden Opfer von Löwen, Hyänen und Leoparden.