Marokko
An der Strasse von Gibraltar liegt das südliche Ende aller vertrauten Reiseziele. Hinter uns liegt Europa. Vor uns: Afrika. Der Schwarze Kontinent. Nur einen Steinwurf weit entfernt, jenseits der schmalen Wasserstrasse türmen sich die Felsmassen des Atlasgebirges auf. Und dennoch, die wenigen Kilometer an das andere Ufer des Mittelmeers sind die grösste Distanz, die man als Reisender zurücklegen kann. Die natürliche Barriere der See verhindert einen fliessenden Übergang der Kulturen. So bleibt keine Zeit, sich an Afrika heranzutasten. Die Gesetzte des arabischen, des afrikanischen Lebens zu verstehen, dafür bräuchte der Europäer Zeit, viel Zeit. Die hat er aber nicht, denn bereits im Hafen von Tanger beginnt der Kampf ums "Überleben"...
Das erste Mal betreten wir afrikanischen Boden. In Tanger haben wir gleich die ersten bitteren Pillen zu schlucken. Lange Zeit glauben wir fest daran, ohne Schmiergeld den Hafen verlassen zu können. Aber das System, wer wen zahlt und was damit verursacht wird, ist so ausgeklügelt, dass auch wir kapitulieren und zahlen. Nachdem wir als letzte von der Schiffsladung übrig geblieben sind, ergreift uns doch die Panik, die Nacht im Hafen verbringen zu müssen. Sehr teuer kommt uns die Bestechung nicht und wir haben jenseits des Schlagbaums wenigstens alle Papiere zusammen. Andere Reisende sind hingegen noch lange damit beschäftigt, ihren Pass oder die Fahrzeugpapiere wieder aufzutreiben, die mitsamt dem Schlepper (käufliche Vermittler) "abhandengekommen" sind. Nur gegen weitere, erhebliche Geldzahlungen lassen sich ihre Papiere wieder auftreiben. Der Zoll in Tanger ist unsere Feuertaufe für Afrika.
Fez und Marrakech gefallen uns ganz gut. Durch die Städte können wir dank abgerissener Kleidung recht ungestört wandern; unbeachtet von Bettlern und selbsternannten Stadtführern. Nur selten laufen wir fanatischen Souvenir-verkäufern in die Arme. Die Einladung zum Glas Tee führt in Marokko zwangsläufig zum Verkaufsgespräch in den Teppichladen. Kein Kontakt findet ohne Hintergedanken statt. Jedermann will auf unsere Kosten ein Geschäft abschliessen. Das nervt uns. Zuviel wird es, als uns die Händler beschimpfen, mit dem Glas Tee auch ihre Freundschaft abzulehnen.
"Willst Du nicht mein Freund sein, bist Du mein Feind." Einer wünscht uns sogar nach Algerien, dort würden "Ausländer wenigstens erschossen". Für diese Geschäftsleute finden wir den Namen "Touristenjäger" sehr passend.
Auf dem Weg durch Dades und Todra Schlucht - die landschaftlich wirklich sehenswert sind - versucht die Bevölkerung in den Dörfern mehrfach, uns mutwillig irrezuleiten. Auf dass wir mit dem Wagen in eine Sackgasse geraten, wo dann genügend Zeit bleibt, uns etwas abzuschwatzen. Noch öfter versuchen Kinder und Jugendliche in den langsamen Passagen der Dörfer von hinten auf den Wagen aufzuspringen, um etwas vom Dachgepäckträger zu zerren.
Marokko überfordert uns. Bald wollen wir mit niemandem mehr Kontakt haben. Die wenigen Lichtblicke beschränken sich auf Bekanntschaften mit älteren Männern und Frauen, aber der jüngere Teil der Bevölkerung ist auf der Jagd. Was für ein Glück, dass wir nie einen Probeurlaub für Afrika nach Marokko unternommen hatten.
Wir wären nie wieder gekommen!