Guinea
Die Ausreise aus dem Senegal erfolgt vorbildlich. Auf einer engen und zerfahrenen Lateritpiste dauert es über eine Stunde bis zum guineischen Posten. Die Grenzgebäude sind verfallen und verkommen. Der Wind treibt roten Staub durch den verlassenen Posten. Einige lose Wellblechbretter klappern an den Gebäuden und nur eine zerfetzte, alte Fahne gibt den Anschein von Leben an diesem unwirtlichen Ort. Ich mache mich auf die Suche nach den verantwortlichen Würdenträgern. In einer düsteren Baracke ist die Polizei untergebracht. Auf dem wurmstichigen Tisch liegt eine zerfledderte Kladde mit Vermerken über Ein- und Ausreisen. Der wachhabende Gendarm taucht zwar erst nach einer Viertelstunde auf und ist über die Störung recht ungehalten, erledigt aber korrekt unsere Formalitäten. Beim Zoll sieht das schon etwas anders aus. Der vergammelte Zöllner versucht möglichst lässig zu wirken. Zwischen den zum Platzen gespannten Hemdknöpfen sucht sein schwabbeliger Bauch den Weg zum Tageslicht. Der Dicke liegt schwitzend hinter seinem Schreibtisch und reckt mir seine löcherigen Stiefel entgegen. Ich trete in seinen Dunstkreis vor und bitte um Abfertigung und Stempelung des Carnets. Mit unendlicher Geduld und in zeitlupenähnlicher Geschwindigkeit nimmt er unsere Dokumente entgegen und blättert langsam die Seiten durch. Er stempelt das Dokument ab! Ein grober Fehler, denn jetzt bin ich mir sicher, etwaige Schmiergeldforderungen recht lang zurückweisen zu können. Der Zöllner tastet sich vor und beginnt eine Unterhaltung. Ich bedeute ihm, dass ich Französisch leider nur in Bruchstücken verstehe. "Al-le-mand!" stammelnd, weise ich mit dem Finger auf mich, wobei ich den Mund zu einem Lächeln verziehe. Mein Gegenüber nimmt sich besondere Mühe, sucht einfache Wörter und erzählt mir die Geschichte eines Schafs auf der grünen Wiese, das gefüttert werden will. "Non compris?"
Er bietet mir einen gebrechlichen Stuhl an und nimmt einen erneuten Anlauf, mir sein Anliegen zu erklären. Ich verstehe natürlich überhaupt nicht, was er eigentlich von mir will. Ein einheimischer Lkw-Fahrer kommt in den Raum, schiebt dem Zöllner etwas Geld zu und verschwindet wieder. Nochmals versucht der Beamte, mir seine Geschichte zu erklären. Mal schauen, wie lange er das durchhält. "Entschuldigung, aber ich verstehe immer noch nicht." Endlich lässt sich der Fettsack dazu hinreissen, mir unverblümt zu sagen, was er will. Er nimmt seine gesammelten Englisch-Kenntnisse zusammen. "Give me money. You - pay - me!" "Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?", frage ich ihn, stehe auf, drücke ihm eine 5 US-$ Note in die Hand, schnappe mein Carnet und hinterlasse eine verdutzt dreinschauende, korrupte Amtsperson.
Eingebettet in Nebelschwaden, erwacht die Natur zu einem neuen Tag. Nur mühsam durchdringt das Licht der Sonne den Wasserdampf und färbt dabei das Tal orangerot. Wir frühstücken am Rand der Piste und setzen ausgeruht unsere Fahrt durch die abwechslungsreiche Landschaft fort. Die Stadt Labé erschüttert uns. Hier scheinen Steinzeit und Neuzeit kollidiert zu sein. Wir kreuzen durch ein Trümmerfeld. Müll, Dreck und Schrott liegen zwischen den erbärmlichen Hütten. Die Märkte quellen mit importierten Billigwaren über und erwecken in den Menschen Konsumgelüste, denen sie nicht standhalten können, die sie aber auch nicht bezahlen können. In einem kleinen Krämerladen kann ich Geld tauschen. Der buckelige Libanese verspricht mir Rabatt, wenn ich bei ihm einkaufe; aber aus seinem Sortiment kann ich nichts gebrauchen. Zigaretten, Alkoholika, Dosenbier, Bluejeans und Sonnenbrillen entsprechen nicht unseren Bedürfnissen. Auf dem Markt kann ich zumindest Gemüse erstehen.
Dabei bin ich als Mann alleine unter den einheimischen Frauen, die mehr tratschend als einkaufend die Gänge in den schmalen Marktgassen blockieren. Nachdem wir frisches Brot gefunden haben, verlassen wir die Stadt bereits wieder. Abseits der Hauptstrasse fahren wir durch Kaffeeplantagen, bis die Piste erneut in die Berge aufsteigt. Die ursprüngliche Vegetation kehrt zurück, und auf einem kargen Hochplateau finden wir eine schöne Stelle für die Nacht. Bis zur Dämmerung geniessen wir den Panoramablick auf das umliegende Wetterleuchten. Dieser Platz lädt zum Verweilen ein. Ein Dorf ist nicht zu sehen. "Ein Tag Ruhe täte uns gut." Wir fangen mit den Händen die ersten Regentropfen seit Marokko auf und freuen uns, hier zu sein.
In Kissidougou wollen wir ein Hotel suchen. Erst in der Stadt begreifen wir, dass hier die Sammelstelle für Flüchtlinge aus dem vom Bürgerkrieg zerstörten Sierra Leone liegt. Die Stadt versinkt in Menschenmassen, die entlang der Hauptstrasse auf eine bessere Zukunft hoffen. Daran hatten wir nicht gedacht. Wir wussten natürlich, dass in Sierra Leone und im benachbarten Liberia Bürgerkriege herrschen, aber wohin die Flüchtlings-ströme gegangen sind, darüber haben wir uns keine Gedanken gemacht. Hier - zwischen das Elend der Flüchtlinge - gehören Touristen nicht hin. "Also möglichst schnell weiter zur Elfenbeinküste." Anhalten können wir ohnehin nicht. "Weisse Menschen in einem Auto haben immer etwas zu verteilen", lernen wir sehr bald, als wir von einer Gruppe Menschen förmlich überrannt werden.
Dass wir nicht dem UNHCR oder dem Roten Kreuz angehören, versteht keiner. Wir sind weiss, sitzen in einem Auto, dementsprechend sollen wir etwas verteilen. Aber nicht nur die Hilfsorganisationen spenden kräftig Nahrungsmittel, Bekleidung, Zelte, Baustoffe und weitere Hilfsgüter. Wir beobachten den Vertreter eines Tabakproduzenten, der aus seinem mit Werbung bemalten Wagen heraus Zigaretten selbst an die kleinsten Kinder verteilt. "Deshalb werden wir nicht mehr nach "cadeaux", sondern nach "cigarettes" gefragt!"
An der Strasse nach Macenta reiht sich ein Flüchtlingsdorf an das nächste. Das UNHCR ist in für uns bisher unvorstellbarer Stärke vertreten: Autos, Lkw, Zelte, Krankenhäuser und Versorgungseinrichtungen. Ein Heer von Mitarbeitern ist für die Flüchtlinge da und organisiert deren (Über-)leben. Was uns aber irritiert, sind die kleinen Dörfer der Einheimischen, die zwischen den Flüchtlingscamps liegen. Dort gibt es keine Schulen und keine Krankenhäuser. Das Wasser muss aus dem verschmutzten Fluss geholt werden und die Strohhütten sind bei weitem nicht so wetterfest, wie die mit den blauen UNHCR-Planen gedeckten Steingebäude in den Flüchtlingslagern. Diese Plastikplanen finden wir auch noch später immer wieder, weitab aller Flüchtlingsströme. Sie sind eine begehrte Tauschware; ebenso wie die Maisdosen aus den USA oder die Sardinen der EG, die es in jedem Laden zu kaufen gibt. Trotz der dicken Aufschrift "Hilfsgüter: Verkauf verboten." Mit diesen Waren lässt sich ein glänzendes Geschäft betreiben. Das Flüchtlingselend ist "big business".