Senegal
Folgt der Reisende dem Atlantik nach Süden, trifft er am Senegal Fluss zum ersten Mal auf Afrika. Schwarzafrika. Rhytmische Musik und exotische Düfte sind schon über den mächtigen Fluss hinweg zu vernehmen. Wie einer unbändigen Brandung ausgesetzt, umspült uns das Lebensgefühl Afrikas. Für den Neuankömmling ist der Senegal eine ernste Bewährungsprobe; ungestümt wird er mit einem neuen Kulturkreis konfrontiert. Aber nach einer Zeit der Eingewöhnung wird jeder sein Herz an dieses Land im Westen Afrikas verlieren. Guinea hingegen bietet kein so homogenes Bild wie Senegal. Nach jahrzehntelanger, politischer Isolierung findet sich der Reisende zwischen ursprünglichen Dorfgemeinschaften und entwurzelten Flüchtlingen aus den Bürgerkriegen der Nachbarländer wieder. Aber gerade diese Unberechenbarkeit der Eindrücke machen Guinea zu einem der afrikanischsten Länder des Kontinents.
Wir atmen auf, fühlen uns befreit, in einem neuen Land, mit neuen Perspektiven. Die Landschaft ändert sich dramatisch. Die Wüste kehrt auch ausserhalb des Flusstals nicht wieder zurück. Die Gegend ist zwar trocken, aber abwechslungsreich bewachsen. Der Vogelpark von Djoudj ist unser erster Tierpark in Afrika. Es gibt zwar keinen Campingplatz, aber wir dürfen an einer privaten Hotelanlage zelten. Im Schatten einiger Bäume ruhen wir uns aus, bereiten das Abendessen und verspüren erstmals den Zauber einer Afrikareise. Die drückende Hitze des Tages schwindet, woraufhin eine Vielzahl von Tierstimmen unser Gespräch übertönt. "Bei dem Krach kann doch niemand schlafen!" Diese Nacht schlafen wir tief, fest und ... zufrieden.
Langsam rollen wir nach Dakar hinein. In Yoff, einem Vorort der Stadt, beziehen wir direkt am Strand ein schönes Zimmer in einem Campment. Das Treiben auf dem Strand ist eine Pracht. Rund dreissig farbenfrohe Pirogen sind am Wasser aufgereiht. Während einige Boote repariert oder gestrichen werden, bereiten sich die meisten Männer für den Abend vor, sortieren Netze, Lampen und Ausrüstung. Die Offenheit der Menschen ist eine neue Erfahrung für uns.
Im Gegensatz zu Nordafrika fühlen wir uns zwischen all den andersfarbigen Menschen uneingeschränkt wohl. Wir dürfen trotz unserer weissen Haut in die Menge eintauchen und werden eingeladen, dem uns fremden Lebensrhythmus zu folgen. Unbehelligt von aufdringlichen "Touristenjägern" dürfen wir als unbeachteter Teil des Strandlebens erstmals die Empfindungen der einheimischen Menschen, den Puls Afrikas spüren.
Aber nicht nur die stille Integration in die fremde Gesellschaft, auch das Verhältnis zwischen Männern und Frauen gefällt uns in Yoff deutlich besser als bei den Arabern, wo die Frauen untertänig arbeiten und die Männer den halben Tag faul im Teehaus liegen. Die Frauen im Senegal sind stolz und selbstbewusst. Sie kleiden sich bunt und phantasievoll. Sobald es ihre Haushaltskasse erlaubt, putzen sie sich heraus. Gerade ihre Frisuren lassen uns immer wieder staunen. Kreationen, die man sich in Europa wohl überhaupt nicht vorstellen könnte. Die Haare werden geflochten, geknotet, mit künstlichem Haar ergänzt und in den ausgefallensten Farben getönt. Und das, obwohl auch Senegal ein islamisches Land ist.
Mit dem strenggläubigen Fundamentalismus Arabiens können die Menschen hier aber nichts anfangen. Das fröhliche und emsige Treiben fasziniert uns. Während die Familien der Fischer lautstark ihren Fang anpreisen, findet oberhalb des Strandes ein immerwährendes Fussballspiel statt. Die Kinder spielen am Wasser und graben den Sand auf der Suche nach verlorenen Münzen um. Wir wandern den Strand entlang, besuchen kleine Märkte und bestaunen die vielfältigen Auslagen. Die Marktfrauen stehen lachend und schwatzend an ihren bunten Ständen und bereiten nebenher in kleinen Kesseln das Essen für die Familie. Der Duft von frittiertem Fisch und gekochtem Gemüse mischt sich mit der salzigen Meeresluft und animiert uns, essen zu gehen.
Einhundertzehn Kilometer südlich des Cap Vert liegt die "Petit côte". Das Campment Fanga in der Ortschaft Djiffer ist ein Projekt zur Stärkung der kommunalen Finanzen. Mit Entwicklungshilfe wurde dieses Projekt des "tourisme integré" geschaffen. Zu gut deutsch: Urlaub auf dem Dorf. Die Einnahmen aus dem Tourismus kommen dem ganzen Dorf zugute. Schule, Brunnen oder andere Massnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur können damit finanziert werden. Das Camp ist sehr gepflegt. Die Frauen von Djiffer halten die Anlage gut in Schuss. Die niedrigen Bungalows ähneln etwas den Hütten im Dorf. Das dichte Strohdach reicht fast bis zum Boden herab. Die Lehmwände sind weiss getüncht. Gebückt treten wir in den kleinen Raum ein. Es ist angenehm kühl hier. Das Campment liegt ausserhalb des noch ursprünglichen Fischerdorfs. Somit sind Touristen und Einheimische etwas getrennt, was aber kein Nachteil ist. Wir sind jederzeit im Dorf willkommen und freuen uns, völlig ungezwungen die Atmosphäre des Dorfes geniessen zu können. Viele Hütten sind aus Palmblättern und Holz gefertigt. Das hässliche Wellblech, wie wir es in den meisten anderen Orten sahen, gibt es hier nicht. Das Leben scheint intakt, wir geniessen ruhige Tage an dem tadellosen Sandstrand und sind dementsprechend erstaunt, als eines Morgens die älteren Frauen des Dorfs einen Demonstrationszug vor die Hütte des Campmentleiters veranstalten. Singend und tanzend bewegen sie sich rhythmisch, hüftschwingend und stampfend durch das Lager.
Der fette, selbstgefällige Verwalter will erst gar nicht aus seiner Hütte kommen, er ahnt wohl, was ihn draussen erwartet. Die Frauen sind in ihren bunten Tüchern prächtig gekleidet und verschaffen sich mit ohrenbetäubenden "Klick" - Lauten und forschen Parolen lauthals Aufmerksamkeit. Um die Hütte des Verwalters herum setzen sie sich auf den Boden und warten, bis eine Abordnung von drei Frauen die Hütte betreten darf. Soweit wir verstehen können, vermuten sie Unregelmässigkeiten bei den Abrechnungen des Campments. Wundern würde uns das nicht; der schmierbäuchige Senegalese entspricht genau unseren Vorstellungen eines korrupten, selbstgefälligen Beamten. Zumindest wehren sich die Frauen gegen seine Betrügereien. Ein kleiner Hoffnungsschimmer. Von ihren Männern ist allerdings nichts zu sehen.
Die anhaltende Magenverstimmung entkräftet uns. Die Hitze setzt uns zu. Die Tse-Tse Fliegen wollen uns fressen. Und andere Tiere gibt es nicht zu sehen. Wir sitzen wieder missgelaunt und streitsüchtig im Wagen. "Riecht es nicht nach Diesel?" Jetzt fängt auch noch der Wagen an, Probleme zu bereiten. Das aus Gummi gefertigte Endstück der Dieselrückführung ist durchgescheuert. Die Einspritzpumpe bläst einen Teil des Diesels in den Motorraum. "Schöne Bescherung. Aber keine Panik!" Wir haben das passende Ersatzteil dabei. Bereits nach einer Stunde habe ich die kleine Gummitülle in der unendlichen Auswahl aller möglichen Ersatzteilbehälter gefunden. Nach einem Heisswasser-bad muss das neue Gummistück nur auf einen Dorn an der letzten Einspritzdüse gestossen werden. Das Teil biegt und windet sich, um mir Sekundenbruchteile später in hohem Bogen aus den Fingern zu springen. Es verschwindet auf Nimmerwiedersehen in den unergründlichen Tiefen des Motorraums. Nach zwei Stunden Suche bastele ich aus restlichem Überlaufschlauch einen notdürftigen Ersatz, damit wir überhaupt weiter kommen. "Wir brauchen etwas Erholung, eine schöne Unterkunft zum Aufatmen." Durch dichte Bambushaine und über tief zerfurchte Pisten verlassen wir den Park und kehren an der Strasse nach Kédougou auf einer, von einem französischen Ehepaar geführten, Jagdranch ein. Hier könnten wir einen Bungalow zu beziehen und uns die Vorzüge einer Vollpension zu gönnen. Wachtelspiesschen zur Vorspeise, ein edler Fisch als Hauptgericht, dann Obst und eine Nachspeise. Dieses Abendessen bietet die erhoffte Wohltat.