Kamerun
Kamerun ist das wohl facettenreichste Land des Schwarzen Kontinents. Nicht nur die lebhaft gestaltete Geschichte vieler Kolonialherren, auch die durch mangelhafte Infrastruktur bedingte Dreiteilung des Landes bietet etliche Überraschungen. Für den Norden ist es jahreszeitlich für uns leider zu spät. Die Sonne verbrennt das Land und unterdrückt jeden Wunsch nach Bewegung. Die Perle Kameruns ist seine Mitte, das vulkanische Hochland. Tiefblaue Kraterseen durchbrechen das dichte Grün der gewaltigen Vegetation, die nicht nur ein Garten Eden verbirgt. Ganz anders der Süden. Yaoundé und auch Duala unterliegen dem Einfluss des nahen Lagos. Die Kriminalität breitet sich wie eine Epedemie aus und droht, das Land zu zerbrechen.
Von Mora fahren wir nach Mokolo. Gemäss den Angaben im Reiseführer soll dies die schönste Strecke in ganz Kamerun sein. Zunächst führt die Route noch durch die verbrannte Ebene. Das Land ist einheitlich in die Farben braun, gelb und grau getaucht. Die Trockenzeit ist auf ihrem Höhepunkt angelangt. Wir freuen uns, als es endlich in die Höhe geht und das Thermometer wieder unter unsere kritische Marke von 40°C fällt. Erst die Landschaft der Mandara Berge kann uns begeistern. Hoch steigen die schroffen Felswände aus der Ebene.
Hier sollen die Menschen noch wie vor hundert Jahren leben. Ein Abstecher in die Vergangenheit steht uns bevor. In Kamerun sollten wir dem schädlichen Einfluss des "Minimaltourismus", der Autohändler, endlich entkommen sein und Menschen treffen, die noch weitgehend unverfälscht leben. Die ursprünglichen Siedlungen runden das schöne Landschaftsbild ab. Die aus natürlichen Materialien gefertigten Hütten sehen mit ihren hohen und windschiefen Dächern wie kunstvoll gefertigte Hexenhäuser aus. In ihren gedeckten Farben heben sich die Dörfer kaum von den umliegenden Bergen ab, sodass sie nur schwer auszumachen sind. Zunächst wird der wunderbare Eindruck nur etwas vom dunstigen Wetter getrübt. Dann kommen wir in das erste Dorf und enden in einer ekstatisch schreienden Kindermeute, die tollwütig "cadeaux" von uns fordert. Wir kommen gar nicht so schnell über die schlechte Piste aus dem Dorf weg, wie die Kinder die Abkürzungen laufen, um uns an der nächsten Kurve wieder abzufangen. Wer die Mentalität dieser Kinder derart verdorben hat, bleibt uns zunächst rätselhaft, denn bis Kamerun kommen nur wenige Überlandfahrer und wir haben auch keine Mission und keinen der Hilfsdienste in der Nähe gesehen. Erschüttert fahren wir weiter nach Maroua. "Sollte sich dieses Verhalten durch ganz Afrika fortsetzen?" Bisher hatten wir geglaubt, vor allem die Billigtouristen hätten dieses Chaos zu verantworten.
In Richtung Meiganga steigt die Piste steil in die Berge. Unser Ziel ist die auf 1300 Meter Höhe liegende Ranch Ngaoundaba. Ein Kleinod im vulkanischen Adamaoua Hochland. Umgeben von saftigen Wiesen, auf denen in lockerem Abstand mächtige Bäume stehen, ist sie oberhalb eines Kratersees wie in einem grossen Garten gelegen. Die klare, frische Luft des Hochlandes lässt uns aufatmen. Der Duft von Blumen und wilden Früchten wird von einem leichten Wind über die Wiesen getragen. Wir schütteln den Staub der Trockenzeit ab und wähnen uns an der Pforte zu einem grünen Paradies. Neben der aussergewöhnlichen Lage bietet die Ranch ein einmaliges Interieur, welches die vergangene Zeiten aufleben lässt. Nicht die unvermeidlichen Jagdtrophäen und grossartigen Bilder sind die Attraktion. Es sind vor allem die Holzschnitzarbeiten, die dem Haus seine aussergewöhnliche Ausstrahlung geben. Auf grossen Tafeln sind eindrucksvolle Jagdszenen und Tierportraits in edles Holz gekerbt. Dabei erscheint die Einrichtung der Zimmer als dreidimensionale Erweiterung der Wandszenen. Der Besucher betrachtet nicht die Bilder an der Wand, er durchschreitet sie.
Eine paradiesische Ruhe liegt über der Ranch. Seit dem Tod von Henry Eyt-Dessus (1989) scheinen Stallungen und Wirtschaftsgebäude in einen Dornröschenschlaf gefallen zu sein. Die Farm wird nur noch für einige gutbetuchte Gäste offengehalten. Der Sohn des Verstorbenen lebt in Japan und lässt sich nur selten auf dem Anwesen sehen. Gut für uns; wir verbringen mit Wanderungen um den See die schönsten Tage seit langem. In den Wäldern tummeln sich Affen und unzählige exotische Vogelarten, deren warnende Stimmen frühzeitig unsere Anwesenheit verkünden. Im See können wir eines der drei Krokodile ausmachen. Dieser See ist zwar bilharziafrei, aber Mut, mit den "Kroks" im gleichen See zu baden, haben wir nicht.
Zum Sonnenuntergang steigen wir auf die höchste Erhebung des Umlandes und geniessen eine unbeschränkte Sicht auf die erhabene, afrikanische Natur. Völlig verzaubert beobachten wir das Leben um den tiefblauen, mystischen Kratersee. Die wenigen Minuten der Dämmerung dehnen sich angesichts des unvergleichlichen Naturschauspiels zu einer kleinen Ewigkeit. Aus allen Nebentälern kommen lautlos grosse Schwärme weisser Fischreiher an den See geflogen. Ihr Nachtlager liegt in einem kleinen Wäldchen am Seeufer. Wir können wunderbar von oben auf die perfekten Flugformationen schauen. Mehr und mehr Tiere schweben majestätisch an uns vorbei. Noch bis weit nach Sonnenuntergang können wir ihr aufgeregtes Begrüssungsgeschnatter hören. Dann kehrt Stille ein. Wir kriechen in unsere Schlafsäcke, die wir erstmals seit Marokko wieder brauchen. Die Nacht ist im Hochland empfindlich kühl.
Nur eine kleine Erdpiste führt von Meiganga in die Hauptstadt Yaoundé. Daher bin ich mir nicht sicher, ob wir die Strecke in zwei Tagen schaffen. So lange es trocken bleibt, ist die schmale Lateritpiste gut zu befahren. Ob das Wetter aber hält, ist fraglich. Die Gewitter, die heftigen Regen auf uns herabprasseln lassen, suchen uns bereits alle drei Tage heim. Es sind die Vorboten der Regenzeit. Wir tauchen in den riesigen Wald ein und fühlen uns dort ein wenig verloren. Der Weg entlang der Blätterwand ist ohne Abwechslung. Nicht eine Stelle bietet eine Aussicht und lädt uns zum Verweilen ein. Schon am Nachmittag erreichen wir Yoko. "Bis zur Dunkelheit können wir noch ein gutes Stück vorwärtskommen". So ärgern wir uns mal wieder selber. Denn wir finden keine weitere Übernachtungsmöglichkeit und müssen unser Lager an der Piste aufschlagen. Joly geht es zwar wieder besser, von dem Gedanken wild zu zelten ist sie aber überhaupt nicht begeistert. In Unkenntnis der Sicherheitslage richten wir uns zum Schlafen im Wagen ein. Im Innenraum bleibt zwar nicht einmal mehr Platz, um uns unabhängig voneinander umzudrehen, (der Mercedes dürfte keine drei Zentimeter kürzer sein, denn dann bestünde die Gefahr, dass ich in der Nacht versehentlich die Windschutzscheibe herausträte) aber Sicherheit geht vor Bequemlichkeit. "Ist das eng hier drin. Hätten wir nicht einen langen Radstand finden können?" Gut, für eine Nacht lässt sich das Leben als Sardine verkraften.
Ziemlich gerädert wachen wir am nächsten Morgen auf und sind nach einem "Bananenfrühstück" schon wieder auf der Piste. "Bis zum Mittag sollten wir in Yaoundé sein." Damit bleibt uns genügend Zeit, den Campingplatz zu finden, auf dem wir uns mit Steve und Sally verabredet haben. Die Piste bleibt in einem ordentlichen Zustand, und wir kommen wie geplant vorwärts. Selbst als ein Baumriese über die Fahrbahn gestürzt ist, haben wir Glück. Es ist gerade ausreichend Platz für unseren kleinen Wagen, um die Wurzel herum auszuweichen und wir müssen nicht auf die Beseitigung des Stammes warten. An einer leichten Steigung bleibt der Wagen dann aber unvermittelt stehen. "Nicht schon wieder! Die Tankentlüftung sollte doch jetzt arbeiten". Aber im Tank ist gar kein Unterdruck. Trotzdem bekommt der Motor keinen Treibstoff. Geschlagene zwei Stunden dauert es, bis ich den Grund für unser Problem gefunden habe. Der Vorfilter im Tank muss völlig verstopft sein. Nachdem ich die erste Batterie völlig verbraucht habe, springt der Wagen mit dem Saft aus unserer Ersatzbatterie endlich an. Ich habe mir beim Pumpen an der Einspritzpumpe natürlich wieder gründlich die Finger verbrannt und fluche wie ein Rohrspatz über das Sch... Auto.
Weiter geht es zur Hauptpost von Yaoundé. Wir erhalten zwar einige Briefe, können aber anhand der Numerierung erkennen, dass die Hälfte der Post "verloren gegangen" ist. (Unserer Ausgangspost, die wir zur Kontrolle daheim ebenfalls numerieren, ergeht es nicht anders. Mehr als die Hälfte der Briefe werden gestohlen.) Aber wir finden eine Nachricht von Steve und Sally. Sie haben Yaoundé bereits verlassen und suchen im Osten des Landes, an der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik, einen direkten Weg in den Kongo. Sie wollten in der Stadt nicht auf uns warten, da es ihnen zu ungewiss war, ob wir überhaupt einen Weg durch Nigeria finden konnten.
Obendrein erschien ihnen die Sicherheitslage in der Stadt zu schlecht. Dass Yaoundé ein gefährliches Pflaster sein soll, darauf hatte uns noch niemand hingewiesen. Kurze Zeit später wissen auch wir, dass wir uns besser vorsehen müssen. Auf dem Vorplatz der Post versuchen zwei junge Männer, mir in die Taschen zu greifen. Sie stellen es aber so ungeschickt an, dass ich mich mit einem schnellen Schritt vorwärts befreien kann. Ich fluche laut und versuche Aufmerksamkeit zu erregen. Aus der Menschenmenge um uns herum kann ich aber nur Gelächter ernten. Jemand ruft, ich solle mich nicht aufregen, "es ist hier üblich, dass Dir die Polizei in die Taschen greift ".
Fotos zum Bericht finden Sie unter der oben genannten URL.