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Erfahrung Afrika: Angola

Angola

Das einzige, wofür die ehemals portugiesische Kolonie je wohl bekannt wurde, ist der nicht enden wollende Bürgerkrieg. Dass Angola aber ein wunderbares Land mit unvorstellbar freundlichen Menschen ist, ist - verständlicher Weise - nur wenigen bekannt. Wir können die kurze Zeit eines zerbrechlichen Waffenstillstandes nutzen und das riesige Land von Nord nach Süd durchqueren. Die Einreise auf dem Landweg von Zaire ist leider unmöglich, so nutzen wir den Hintereingang Cabinda und die dortigen Fährverbindungen nach Luanda. Erst im Süden Angolas können wir uns dann von der Küste lösen und auf dem Weg nach Namibia auch das vom Krieg verwüstete Hinterland durchqueren. Ein Reiseland wird Angola wohl auf absehbare Zeit nicht werden. Landminen und marodierende Truppenteile, seien es Rebellen oder Regierungstruppen, verhindern ein sicheres Reisen im Land. So beschränkt sich unser Transit auf die Beobachtung afrikanischer Realitäten fernab aller Tourismusidylle.

Die Suche nach einer passenden Unterkunft in Cabinda gestaltet sich recht schwierig. Egal, ob drei Sterne oder fünf Wanzen, alle Hotels sind für uns unbezahlbar. Der Ölboom in der Stadt hat die Übernachtungspreise in den Himmel gehoben. Also versuchen wir unser Glück erneut bei den irdischen Statthaltern des himmlischen Herrn und klopfen bei den Übernachtungsplätzen, die mit einem Kreuz ausgezeichnet sind, an. Bei der katholischen Mission fragen wir vergeblich nach. Zimmer werden an privat nicht vermietet. Zudem war die Kirche in der Vorwoche von einigen randalierenden Soldaten gestürmt worden und für Gäste will man keine Verantwortung übernehmen. Aber der Missionsvorstand bringt uns zu einer kleinen Pension, in der wir preiswert übernachten können. "Nur 60 US-$ kostet dort das Doppelzimmer". Am Tag! Wir hatten gehofft, dass der Preis für die Woche gemeint war. Während Joly, Sally und Steve mit dem Hotelbesitzer um einen besseren Preis feilschen, mache ich mich zu Fuss auf den Weg, doch noch eine, auf unseren Geldbeutel besser zugeschnittene Unterkunft zu finden. Oberhalb des Gouverneurspalastes finde ich Zugang zu der protestantischen Mission in Cabinda. Die grosse Anlage ist zwar nicht eingezäunt, aber der erste Eindruck ist vertrauenerweckend. Ich treffe auf Pater Prosper, einen einheimischen Geistlichen, der mich sehr freundlich empfängt.Nachdem ich mein Anliegen vorgebracht habe, bringt er mich zum Vorsteher der Mission, einem alten portugiesischen Pater, dessen Körperumfang alle Rahmen sprengt.

Von ihm erhalten wir die Genehmigung, für eine Nacht in der Mission zu bleiben. Ich laufe zurück zum Hotel und hole die anderen. Das wackere Grüppchen ist nach der heftigen Diskussion bereits auf die Strasse gesetzt worden. Minuten später stehen wir an der Pforte zu einer verständnisvolleren Konfession. Zu meiner Überraschung wird uns das Gästehaus der Mission angeboten. "Das ist wirklich nicht nötig", aber nach der wiederholten Einladung von Pater Prosper nehmen wir das Angebot dankbar an.

Punkt acht Uhr sind wir wieder im Tourismusministerium. Sergeant Paka vom Transport-departement begleitet uns zu dem Schreibtisch, der am Vortag noch unbesetzt war. Am ausgehenden Vormittag taucht tatsächlich ein Mitarbeiter auf, der diesen Platz ausfüllt. In den letzten 25 Jahren hatte er wohl nicht allzu viel zu tun und hat sich eine dementsprechend kurze Arbeitszeit zugebilligt. Als Verantwortlicher für Tourismusangelegenheiten konnte man sich in der Vergangenheit in Cabinda wahrlich nicht überarbeiten. Der Beamte versucht, jegliche Verantwortung von sich zu schieben. Er hat Bedenken, uns eine Reisegenehmigung zu erteilen. Während der hitzigen Debatte zieht unser Gegner seine Trumpfkarte und fordert uns auf: "Beweisen Sie erst einmal, dass Sie tatsächlich Touristen sind. Legen Sie mir ein Dokument vor, das Sie als Touristen ausweist." Wir müssen tief schlucken. Ein Dokument, welches einen Touristen als Touristen ausweist? So etwas gibt es überhaupt nicht! "Ohne Nachweis, keine Reisegenehmigung". Ohne Reisegenehmigung keine Fähre und ohne Fähre endet hier unser Weg nach Süden. Der wohlgenährte Tourismusbeamte lehnt sich zufrieden lächelnd zurück und beginnt, triumphierend in seinem altersschwachen Sessel zu wippen. Bevor er vor Selbst-gefälligkeit platzt, plazieren wir unseren Gegenschlag, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Wir präsentieren ihm unsere "Carnet de passage"; offizielle, vom angolanischen Zoll anerkannte und abgestempelte Dokumente. Auf ihnen steht in grossen Lettern geschrieben: ausgestellt von der "Organisation de tourisme international".
Zähneknirschend bekommen wir unsere Reisegenehmigung bis Luanda ausgestellt. Mit dem Jumbostempel erweitern wir unsere Reiseroute noch in der Nacht bis nach Namibia.

Im Hafen angekommen, ist es bereits dunkel. Ohne Kontrollen können wir bis auf den Kai hinausfahren. Die "Lunda" wird mit Holz beladen. Ein mobiler Hydraulikkran hievt die mächtigen Stämme an Bord, wo sie im Laderaum verschwinden. Nach fünfundzwanzig Mahagonystämmen ist bereits Schluss. Die Ladeluken werden geschlossen und die Wagen sollen auf die geschlossenen Luken gehoben werden. Das Ladegeschirr am Kran sieht zwar einigermassen professionell aus, aber wenn ich nur daran denke, wie der Wagen durch die Luft schwebt, wird mir ganz anders. Das "Ladegeschirr" besteht nur aus zwei Stahlstangen, die vor die Vorderachse und hinter die Hinterachse gelegt werden. Die Stangen werden an dicken Tauen mit dem Kran angehoben. Auf diese Weise wird der Wagen sicher eingeklemmt und sollte nicht herabfallen können. Im Prinzip. Die Voraussetzungen für eine solche Verladung sind am Mercedes aber denkbar schlecht. Der Rammschutz der Ölwanne, der vor der Vorderachse liegt, läuft schräg nach oben und birgt das Risiko, dass die Stange von der Achse wegrutscht und der Wagen abstürzt. Zudem liegt der Kraftstofftank hinter der Hinterachse, womit der Grossteil des Fahrzeuggewichts bei einer solchen Kranverladung auf dem dünnen Blech des Tanks liegt.

Die Fahrbahn ist völlig zerstört. Neben den üblichen Schlaglöchern haben hier auch Raupenfahrzeuge und Granateneinschläge ihre Spuren hinterlassen. Eigentlich sollte die Strasse bereits neu asphaltiert sein. Von der UN wurden schon 1992 Gelder für die Reparaturarbeiten bereitgestellt. Nach dem ersten Bauabschnitt stellte jedoch die angolanische Regierung ihre Zahlungen an die Strassenbaufirma ein, die daraufhin den Ausbau der Strasse einstellte. Die internationalen Hilfsgelder wurden für "andere Zwecke gebraucht". Auch die Dörfer entlang dieser Strecke warten bis heute vergeblich auf nachhaltige Aufbauhilfe.

Die Orte zeigen alle noch deutliche Spuren der Verwüstung. Die Wassertürme sind eingestürzt, nicht eine Wand steht ohne Einschusslöcher. Ausgeblichene Parolen, die in roter und schwarzer Farbe auf die einstmals weissen Mauern geschmiert wurden, vermögen bei uns kein Verständnis für die Motivation der einen oder anderen Seite zu wecken. Bald säumen die ersten stummen Zeugen des Kriegs die Strasse: ausgebrannte Lkw, zerschossene Mannschaftswagen, auf Minen gelaufene Panzer. Zumeist bedeckt aber die Natur mit ihrem gnädigen, grünen Kleid die Spuren des Leids. Die Zeugnisse menschlichen Verderbens sind überwachsen. Die dichte Vegetation erspart uns das unmittelbare Wissen um Tod und Verderben auf den Schlachtfeldern.

Die Stadt Ondjiva ist fast vollständig zerstört. Bisher wurden nur das Krankenhaus und die Kirche wieder aufgebaut. Ondjiva ist die am stärksten zerstörte Stadt, die wir sehen. Vier Armeen hatten diese Stadt abwechselnd eingenommen und wieder verloren. Aber erst die Südafrikaner machten die Stadt - bei ihrem wahnsinnigen Feldzug 1980, im Kampf gegen die Swapo (Unabhängigkeitsbewegung im ehemaligen Südwestafrika) - an nur zwei Tagen dem Erdboden gleich. Das war zu Zeiten der Apartheid. Heute, sechzehn Jahre später, ist Namibia unabhängig. Der Anführer der ehemals als Terroristen bezeichneten Unabhängigkeits-bewegung ist namibischer Staatspräsident und ein langjähriger "Sträfling" wurde zum weltweit hoch geachteten Staatsoberhaupt von Südafrika. Erst die demokratischen Veränderungen im Süden Afrikas haben diese Länder auf unsere Reiseroute gesetzt. Wobei wir überhaupt noch nicht wissen, was uns in diesen Ländern erwarten wird.

Der Umbruch im südlichen Afrika war rasant und atemberaubend. Nur an Angola ist diese demokratische Entwicklung vorbeigegangen. Es leidet noch heute unter den gleichen Konflikten wie vor sechzehn Jahren. Ohne Aussicht auf Besserung warten die Menschen in Angola weiterhin vergeblich auf den Beginn einer neuen Epoche.

Fotos zum Bericht finden Sie unter der oben genannten URL.



Homepage: http://www.zebrastreifen.com/angola.htm

 
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Info Reisebericht
Reiseland: Angola
Datum der Reise: 1999-2000
Dauer der Reise: 2 Jahre
Autor: Joly und Ingo Hoffmann
Aufrufe bisher: 1886

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