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Sardinien

Sardinien-Tour 1995

Dieser Bericht erschien im April 1996 in den regionalen Motorradmagazinen MoKo, Kradblatt und Bremer Motorradanzeiger.

©Achim Lerch 1996.

Sardinien - Lämmer und Banditen

Noch etwas schläfrig schlürfe ich meinen zweiten Cappuccino, langsam erwachen die Lebensgeister, und die Müdigkeit, die mir nach einer unbequemen Nacht an Bord der "Clodia" noch in den Knochen steckt, verfliegt allmählich. Außer mir ist nur noch ein weiterer Gast in der kleinen Bar an der SS No 199 kurz hinter Olbia, der - vermutlich auf dem Weg zur Arbeit - noch schnell einen Espresso im Stehen nimmt. Vor einer knappen halben Stunde bin ich aus dem Bauch der Fähre gerollt, zehn Tage Sardinien liegen nun vor mir. An der Wand hinter meinem Tisch hängt eine übergroße Sardinienkarte, und freudig bemerke ich, daß ich die geplante Strecke nach Tempio Pausina durch einen Umweg über eine "Strada biancha", wie die zahlreichen unbefestigten Schottersträßchen auf der Insel genannt werden, etwas auflockern kann. Nur wenige Kilometer hinter meiner "Frühstücksbar" zweigt bei Berchidda tatsächlich ein Fahrweg ab, und zufrieden fahre ich durch sanfte Hügel, vorbei an friedlich vor sich hin grasenden Schafherden. Von den wolligen Tieren gibt es auf Sardinien immerhin fast doppelt so viele wie Einwohner, und so wird mich dieser Anblick ebenso wie die Sinfonie aus Blöken und bimmelnden Glocken auch die nächsten Tage noch begleiten.

Nach ca. 20 Kilometern mündet der Schotterweg auf die SS No 127 nach Tempio, dem Hauptort der Gallura, wie der nordöstliche Landesteil der Insel heißt. Die Straße führt vorbei an tausenden von Korkeichen, die mit ihren abgeschälten Stämmen einen eigentümlichen Anblick bieten. Kork zählt zu den Hauptausfuhrprodukten Sardiniens, und die Wahrscheinlichkeit, daß man beim Öffnen eines edlen Tröpfchens ein Stück Gallura unter dem Korkenzieher hat, ist groß. Die Rindenstücke werden aus der ganzen Gegend, meist auf klapprigen Kleinlastwagen, nach Tempio gebracht und dort weiterverarbeitet.

Ich fahre weiter auf der schönen und kurvigen SS No 392 Richtung Oschiri, bis auf dem Col de Limbara links ein Schotterweg abzweigt. Der Brandwächter, der an der Kreuzung seinen vermutlich langweiligen, aber aufgrund der zahlreichen Waldbrände wichtigen Job verrichtet, bestätigt meine Vermutung, daß der Weg zum Monte Limbara-Massiv führt. Zwar warnt er mich vor der sehr schlechten Wegstrecke, doch nach einem nochmaligen kritischen Blick auf die groben Stollenreifen meiner Enduro wünscht er mir schließlich eine gute Fahrt. Man kann die Höhen des Limbara-Massivs auch auf einer asphaltierten Stichstraße zum Monte Balistreri erreichen, doch ist dieser Weg natürlich viel interessanter - auch wenn er, entgegen den Warnungen des Brandwächters, völlig problemlos zu befahren ist. Oben angekommen hat man in gut 1300 m Höhe einen herrlichen Blick über die gesamte Gallura, dazu kommen die für Sardinien so typischen skurrilen und bizarren Steinformationen, so daß es wirklich eine Lust ist, auf Schotterwegen, vorbei an einem kleinen Stausee, durch diese Berglandschaft zu fahren. Einst hat Gott, so erzählen die Sarden, die Insel am sechsten Tag der Schöpfung aus einem Haufen übriggebliebener Steine geformt.

Der Weg führt mich schließlich in einem großen Bogen wieder zurück nach Berchidda, von wo eine weitere Schotterstraße zum Lago del Cochingas führt. Der Stausee wurde 1926 angelegt, um die feuchten Küstengebiete trockenzulegen und so die Malaria auszurotten. Nach einer ausgiebigen Pause am einsamen Seeufer setze ich meine "Kreuz-und Quer-Fahrt" durch die Gallura fort und gelange über Oschiri, Prattada, Ali dei Sardi und Padru schließlich am Nachmittag nach San Teodoro, wo ich mich auf dem Campingplatz einmiete. 220 Kilometer habe ich auf der Strecke von Olbia hierher zurückgelegt, auf der Küstenstraße sind es 30. Doch gerade diese "Umwege" sind es, die den Reiz der Insel (und eigentlich des Motorradfahrens überhaupt) ausmachen.

Am nächsten Morgen "gönne" ich mir dann doch die viel befahrene Küstenstraße nach Olbia, um von dort weiter entlang der berühmt-berüchtigten Costa Smeralda die Nordspitze der Insel zu umrunden. Die rege Bautätigkeit, die von anhaltendem Tourismusboom zeugt, wird von den Einheimischen mit gemischten Gefühlen betrachtet. Sehen die einen sprudelnde Einnahmequellen, befürchten die anderen weitere Naturzerstörung und zunehmenden Identitätsverlust. Natürlich kann ich es mir nicht verkneifen, hin und wieder einen der schmalen Erdwege einzuschlagen, die von der Küstenstraße abzweigen und nach teilweise recht steilen Anstiegen auf Bergkuppen führen, von denen man einen herrlichen Blick auf die zerklüftete Küste und das blaue Meer genießen kann. Zumeist enden diese Wege allerdings als Sackgasse an den Zäunen von Privatgrundstücken, und man muß den gleichen Weg zurückfahren. Im malerischen Hafen von Palau fröne ich meiner Vorliebe für Cappuccino, und während ich den Geschichten einiger Segler am Nachbartisch lausche, träume ich ein wenig von der weiten Welt... Über das Capo Testa, wo sich die Touristen tummeln, und weiter über eine "Strada biancha" von Pto. Pezzo nach Aglientu führt mich der Weg schließlich zurück nach San Teodoro.

Zerklüfteter und bizarrer als die insgesamt eher sanfte Gallura präsentieren sich am nächsten Tag die Gebirgszüge im Süd-Osten der Insel. In Siniscola biege ich von der Küstenstraße ab und gelange nach einigen herrlichen und kurvenreichen Kilometern bei Cant. di St. Anna an eine Abzweigung, wo linkerhand eine "Strada biancha" nach Lula beginnt. Diese führt nun unterhalb des schroffen Gipfel-Massivs des Monte Albo durch die einsame Berglandschaft, ich genieße herrliche Aussichten und den typischen Duft der Maccia. Motorradfahren auf Sardinien wird, ebenso wie auf der Nachbarinsel Korsika, auch mit dem Geruchssinn erlebt. Von Lula fahre ich, von einer Schräglage in die nächste wechselnd, weiter über Onani, Bitti und Nuoro nach Oliena am Fuße des Sopramonte Massivs. Hier beginnt eine anspruchsvolle Schotterstraße, die sich mit den bekannten "Enduro-Schmankerln" in den französisch/italienischen Alpen durchaus messen kann, und die als Sackgasse unterhalb des 1463 m hohen Pt. Corrasi endet. Von hier hätte man sicher einen herrlichen Blick, doch ich muß diesmal mit tiefhängenden Wolken vorliebnehmen. Das sich durch mächtiges Grollen ankündigende Gewitter veranlaßt mich, nach nur kurzer Gipfelpause wieder talwärts zu fahren. Die Freude, dem Gewitter noch einmal entgangen zu sein, währt allerdings nur kurz: der Regen holt mich auf dem Rückweg nach San Teodoro rasch ein und zwingt mich in die Regenkombi.

Am nächsten Tag breche ich meine Zelte in San Teodoro ab um das "Basislager" nach Süden zu verlegen. Entlang der Küste fahre ich zunächst bis Arbatax, wo die "Roten Felsen", eine in dieser Form einmalige Gesteinsformation, malerisch aus dem Wasser ragen. Da der Campingplatz in Arbatax trotz Nachsaison noch über 20 DM für die Übernachtung verlangt, fahre ich noch ein Stück weiter nach Orri, wo ich auf dem Camping "Lido Orri" für unter 10 DM unterkomme. Das Zelt steht nur 100 Meter vom Strand und so kann ich den Tag noch mit einem Bad im angenehm temperierten "Mar Tirreno" beschließen.

Orgosolo, der kleine Ort im Herzen der Gennargentu-Berge, gilt als der Hort des sardischen Banditentums. Hier häufen sich die in ganz Sardinien anzutreffenden murales, die auf chilenische Vorbilder zurückgehenden Wandgemälde, die die politische und wirtschaftliche Bevormundung der Sarden durch die Italiener anprangern. "Wer vom Meer kommt, stiehlt" - auf diese einfache und bittere Formel haben die Sarden ihre Erfahrungen aus langen Jahren leidvoller Geschichte gebracht. Ob Khartager im 5. Jahrhundert v. Christus, die Römer 238 v. Christus, ob Mauren und Spanier im Mittelalter, ob Franzosen unter Napoleon oder schließlich die Italiener - alle kamen, und okkupierten insbesondere das fruchtbare Küstenland. Den eigentlichen Einwohnern blieb zumeist nur der Rückzug in die karge Berglandschaft, wo sie unter harten Bedingungen ihr Leben fristeten. Dadurch entwickelte sich der besondere sardische Stolz und die "Omerta", das Gesetz des Schweigens, und die "Vendetta", die Blutrache, wurden zum ungeschriebenen Gesetz des sardischen Bergvolks. Als sich dann in den 60er Jahren vor allem die Bewohner Orgosolos gegen Pläne der italienischen Regierung wehrten, den Sopramonte zum Nato-Truppenübungsplatz zu machen und unter anderem mit den murales auf ihre Probleme aufmerksam machten, trug ihnen dies ungerechtfertigterweise den Ruf des Banditentums ein. Dieser Ruf und die Schauergeschichten von Omerta und Vendetta locken nun seit Jahren ganze Busladungen von Touristen in den Ort, die ihren Strandurlaub durch etwas Nervenkitzel aufpeppen wollen. Natürlich ist die Geschichte von den Banditen mehr Legende als Wirklichkeit, doch die Tourismusindustrie verdient gut daran. Der einzige wirkliche Bandit an diesem Tag dürfte wohl ein deutscher Motorradfahrer gewesen sein, der als Kurvenräuber die Gegend unsicher machte...

Auf dem Rückweg nach Orri führt mich ein Abstecher an den Lago Alto di Flumendosa am Fuße des Punta la Mámora, mit 1834 Meter über NN Sardiniens höchster Berg. Zwar führt laut Karte keine Straße oder Piste auf den Gipfel, trotzdem übt die höchste Erhebung der Insel natürlich einen besonderen Reiz aus. Ich schlage also eine Piste ein, auf der ich zumindest der groben Richtung nach zum Gipfel zu gelangen hoffe. Leider bleibt es beim Wunsch - die Piste führt in großem Bogen um den Berg herum, dabei immer deutlich unterhalb des Gipfels verlaufend und endet schließlich vor einem Zaun. Ich bereue den Abstecher dennoch nicht, da der Fahrweg sowohl landschaftlich reizvoll als auch teilweise fahrerisch anspruchsvoll ist. Von weiteren Versuchen der "Gipfelstürmung" sehe ich für diesen Tag ab, da die einsetzende Dämmerung zur Rückkehr zum Campingplatz mahnt.

Am nächsten Tag kehre ich über Lanusei zurück an den Lago Alto di Flumendosa, um von dort auf einer schönen einspurigen Straße nach Cant. Arcueri zu gelangen. Auf einer Paßhöhe zweigt dann nach links eine neue Straße ab, die ich in meiner Karte nicht finden kann - keine Frage, sie gilt es zu erkunden. Nach wenigen Kilometern reizt rechterhand eine abzweigende "Strada biancha", der ich folge. Sie schlängelt sich um einen Bergrücken immer etwas oberhalb der pittoresk und eng gewunden durch die Berglandschaft verlaufenden Eisenbahnlinie, die von Arbatax nach Cagliari führt. Häufig halte ich an, um den Blick auf Tunnel und Brückenbauten zu werfen - von meinem erhöhten Standpunkt wirkt das ganze wie eine Spielzeugeisenbahn und in meinem Kopf erklingt das Lied von Lummerland, Jim Knopf und dem Lokomotivführer.

Die Schotterstraße mündet schließlich wieder in der neuen Asphaltstraße, mittlerweile weiß ich nicht mehr so ganz, wo ich eigentlich bin. Ich folge der Straße weiter und lande wenig später an einem hohen Zaun und einem gewaltigen Eisentor. Das Tor ist offen, ich zögere kurz, sehe aber dann in der Richtung, in der die Straße weiter verläuft, einen verlockenden Berggipfel, auf dem deutlich Aufbauten und Antennen zu erkennen sind. Ich fahre also weiter und tatsächlich zweigt wenig später links ein steil ansteigender Schotterweg in Richtung Gipfel ab. Nach ca. 2 Kilometern und vier sehr engen und steilen Kehren kurz vor dem Gipfel erreiche ich ein Observatorium. Weit und breit ist niemand zu sehen, die Aussicht ist phantastisch. Nach diesem Abstecher wieder zurück auf der Asphaltstraße folge ich dieser weiter talwärts und lande schließlich abermals an einem Zaun inklusive - zum Glück wiederum offenem - Tor. Hinter dem Tor verläuft die SS No 198, wie mir ein Kilometerstein anzeigt und beim Blick zurück leuchten mir deutliche Verbotsschilder entgegen. In einem großen Bogen fahre ich schließlich über Gairo, Seui, Laconi, Nurri, Escalaplano und Jerzu zurück nach Orri.

Den südlichsten Punkt meiner Sardinienreise erreiche ich am nächsten Tag bei Murravera. Auf dem Weg dorthin wartet hinter Ballao eine Enttäuschung: die in der Karte verzeichnete kurvenreiche "Strada biancha" ist einer neuen Schnellstraße gewichen. Ich tröste mich mit einem Strandabstecher im Mündungsgebiet des Foce del Flumendosa. Die letzten Urlaubstage vergehen dann wie im Fluge, zu den fahrerischen und landschaftlichen Höhepunkten zählt die am steilen Fels verlaufende Strecke von Villagrande nach Talana. Mächtige, mannshohe Steinbrocken auf der Straße, die fast die gesamte Fahrbahnbreite einnehmen, verleihen dem Schild "Vorsicht Steinschlag" eine ganz neue Bedeutung. Von Talana über Urzulei führt mich dann ein letzter "Schotterabstecher" auf den 1256 m hohen Mont Pisaneddu, noch einmal genieße ich die herrliche Aussicht. Über Fonni und Macomer führt mich schließlich die letzte Tour an die Westküste nach Bosa, von dort entlang der Küste über Alghero nach Porto Torres. Während ich bei einem letzten Cappuccino auf die abendliche Abfahrt der Fähre warte, bleibt Gelegenheit, noch einmal tief durchzuatmen, die letzten Tage Revue passieren zu lassen und alle Eindrücke zu speichern - die Landschaft aus Stein, den Duft der Maccia und natürlich das leise Blöken der Lämmer...

Achim Lerch



Homepage: http://www.wirtschaft.uni-kassel.de/Nutzinger/Mitarbeiter/Achim/sard.htm

 
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Info Reisebericht
Reiseland: Italien
Datum der Reise: 1995
Dauer der Reise: 10 Tage
Autor: Achim Lerch
Aufrufe bisher: 5946

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