Richtung Nordpol, dann geradeaus
Anita und Kerstin Lischka auf Spitzbergen, 08.-19. April 1999
Meine Mutter und ich waren vom 08. bis zum 19. April auf Spitzbergen. Das Abenteuer fing schon
am Frankfurter Flughafen an. Der junge Mann am Check-in sagte nur: "LYR (für Longyearbyen)
habe ich noch nie gehört, ich versuche auch gar nicht erst, das auszusprechen. Na ja, die SAS wird
schon wissen, wo das ist. Ich wünsche Ihnen jedenfalls einen schönen Urlaub, wo auch immer Sie
hinfliegen." Dann ging's zunächst mit Lufthansa nach Oslo.
In Oslo hatten wir fünf Stunden Aufenthalt. Zwischendurch wollten wir in einem Café etwas
trinken und baten den jungen Kellner um Wasser. Er drehte sich um und füllte zwei Gläser mit
Leitungswasser. Meine Mutter und ich waren zwar etwas erstaunt, fragten aber trotzdem artig nach
der Rechnung. Daraufhin erklärte der junge Mann, Leitungswasser sei in ganz Norwegen kostenlos.
Auf Spitzbergen war das kostenlose Leitungswasser ein Riesenvorteil, denn wegen des
Wüstenklimas stieg der Flüssigkeitsbedarf trotz der Kälte ganz erheblich.- Um 22.30 Uhr sollte der
Abflug nach Spitzbergen mit Zwischenstopp in Tromsö ein. Schon am Gate ging es hoch her. Leute
aus halb Europa waren versammelt: Neben zahlreichen Norwegern auch Italiener, Franzosen,
Engländer, Dänen, Schweden, Österreicher, wir zwei Deutsche usw. Die Italiener fielen sofort auf:
An einem Rollband lehnte ein silberlockiger, bärtiger, ca. 50jähriger Italiener und sprach aufgeregt
in ein Mikrofon. Er wurde von einem ca. 30jährigen, ziemlich erschöpft wirkenden Mann mit rotem
Vollbart gefilmt. Außerhalb des Kamerablickfeldes stand ein Mann (offenbar der Regisseur) und
gab Anweisungen. Der Regisseur sah aus wie ein zwanzig Jahre jüngerer und dreißig Kilo leichterer
italienischer Startenor. Wir tauften die drei spontan Silberlocke, Little Pavarotti und den
immermüden Kameramann.- Außerdem saßen weitere Italiener in der Nähe, alle in gleichen
Anoraks mit Arktisaufdruck, und gaben Kommentare ab. Der Abflug verzögerte sich, die Crew lief
am Gate hin und her. Der Grund: Nach Longyearbyen auf Spitzbergen fliegen wöchentlich je nach
Jahreszeit sieben bis neun Linienmaschinen. Alle Güter des täglichen Bedarfs müssen nach
Spitzbergen geflogen werden, spezielle Frachtflüge gibt es aber nicht. Wir sind in der
Hauptreisezeit für Touristen geflogen. Die Maschine war ausgebucht, und für Reisen in die Arktis
braucht man mehr und voluminöseres Gepäck als für Reisen in den Süden. Nahrungsmittel und Post
für ständige Spitzbergenbewohner und Touristen mußten auch noch mit. Um 23.00 Uhr war alles
verstaut. Die ersten acht Sitzreihen des Flugzeugs waren bis zum Bordcase voll mit Postsäcken,
dahinter saßen die Passagiere. Dann ging es endlich los nach Tromsø. Tromsö liegt auf 70° Nord
und damit schon über dem Polarkreis. Mitte April wird es in Tromsö aber noch dunkel; in der Nähe
des siebzigsten Breitengrades dauert die Mitternachtssonne nur ca. zwei Monate. In Tromsö gab es
einen einstündigen Zwischenstopp. Erstens gab es Leute, die dort aussteigen oder erst zusteigen
wollten, zweitens müssen die Flugzeuge in Tromsö aus Sicherheitsgründen vollgetankt werden. In
der hohen Arktis auf Spitzbergen kann sich das Wetter nämlich in Minutenschnelle ändern. Die
Landebahn von Longyearbyen (78°12' Nord) liegt zwischen hohen Bergen und geht aufs Wasser
hinaus. Bei plötzlichem Wetterwechsel können Flugzeuge nicht landen und müssen unverrichteter
Ding wieder nach Tromsö zurückkehren.
Um 2.00 Uhr nachts ging es ab nach Spitzbergen. Wir sind exakt nach Norden und damit in
Richtung auf die Mitternachtssonne über das arktische Meer geflogen. Während des Fluges haben
alle Passagiere förmlich an den Fenstern des Flugzeuges gehangen. Wir flogen in 11.000 m Höhe
und haben unter uns etwas Blau-Grau-Weißes gesehen; für uns völlig unbekannte Blautöne. Wir
haben durch Nachfragen erfahren, daß es sich dabei nicht um Wolken, sondern um arktisches
Packeis handelte, das wegen der klaren Sicht so deutlich zu erkennen war. Beim Blick nach Osten
sah man die Sonne in intensiven Rosa-Orangetönen aufgehen, im Westen wurde es immer heller
Blau. Die Farbtöne von Packeis, Himmelsblau und Sonnenaufgang lassen sich mit Worten gar nicht
beschreiben. Wer sie gesehen hat, weiß, was mit arktischen Farben gemeint ist, doch diese Farbtöne
gibt es wohl nirgendwo sonst auf der Welt.
In Longyearbyen sind wir ca. um 4.00 Uhr gelandet und wurden von meiner Schwester Silke
abgeholt. Sie war der Anlaß für diese Reise. Silke hat es vor einigen Jahren aus der mittelhessischen
Provinz nach Kiel verschlagen. Sie hat dort Biologie studiert, weil es in Kiel den Schwerpunkt
Meeresbiologie und das Institut für Polarökologie gibt. Das Kieler IPÖ hat Kontakte zu vielen
Universitäten in Arktisanrainerstaaten, unter anderem zu UNIS auf Spitzbergen. Im Rahmen ihrer
Doktorarbeit war Silke ein Jahr auf Spitzbergen, und meine Mutter und ich haben sie dort besucht.
Auf Spitzbergen gilt übrigens auch die mitteleuropäische Zeit bzw. Sommerzeit. Mitte April
herrschen dort noch etwa zwei bis vier Stunden Dämmerung. Diese Dämmerung ist mit einer
mitteleuropäischen Dämmerung nicht zu vergleichen. Es ist etwa so "dunkel" wie an einem
mitteleuropäischen Märznachmittag bei geschlossener Wolkendecke, so daß man z.B. rund um die
Uhr ohne künstliche Lichtquelle bequem lesen kann.
Es ist schwierig zu entscheiden, wo und wie man mit der Beschreibung des Lebens in der hohen
Arktis beginnen soll. Einerseits sind viele Dinge des täglichen Lebens so wie in jeder anderen
skandinavischen Kleinstadt, andererseits ist alles ganz anders. Svalbard (= der norwegische Name
für die Hauptinsel des Spitzbergenarchipels) ist etwa so groß wie Bayern, erstreckt sich über ca.
vier Breitengrade (ca. 78°N bis 82°N) und hat keine Ureinwohner. Die Insel wurde irgendwann
zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert von den Wikingern entdeckt, aber nicht besiedelt. Sie
gaben der Insel den Namen Svalbard; er bedeutet "kalte Küste". Zu Beginn des 19. Jahrhunderts
besiedelten die Norweger Spitzbergen, um die dort vorkommende, sehr hochwertige Steinkohle
abzubauen; etwas später gründeten auch die Russen dort Siedlungen und bauten Kohle ab. Heute
gibt es auf Spitzbergen fünf Orte: Die norwegischen Siedlungen Longyearbyen (mit Flughafen und
damit Verbindung zum Rest der Welt), Sveagruva und Ny Ålesund sowie die russischen Orte
Barentsburg und Pyramiden. Im Spitzbergenvertrag von 1920 einigten sich neun Staaten darauf, daß
Norwegen die alleinige Souveränität erhielt, Angehörige anderer Unterzeichnerstaaten jedoch völlig
gleichberechtigt mit den Norwegern dort siedeln und leben dürfen. Spitzbergen ist also
völkerrechtlich kein Teil des norwegischen Staatsgebietes, wird aber von den Norwegern als
solches betrachtet. Allerdings respektiert Norwegen die im Spitzbergenvertrag festgeschriebene
Gleichberechtigung der anderen Partner weitgehend. Lediglich mit dem Herzen betrachten die
Norweger Spitzbergen als "normalen" Teil ihres Landes. Mit den Russen gibt es diesbezüglich
keine Probleme; die Russen haben heutzutage sowieso andere Schwierigkeiten. In Longyearbyen,
Sveagruva, Barentsburg und Pyramiden wird auch heute noch Kohle abgebaut, allerdings längst
nicht mehr soviel wie zu Beginn des Jahrhunderts. Longyearbyen bemüht sich in den letzten fünf
bis acht Jahren verstärkt um den Tourismus, außerdem um die Arktisforschung (Geologie, Biologie,
Physik, Chemie, Atmosphärenforschung). Zu diesem Zweck gibt es seit wenigen Jahren UNIS, ein
Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Oslo, Bergen, Trondheim und Tromsö. UNIS ist zwar eine
norwegische Institution, aber trotzdem sehr international ausgerichtet; dort studieren und forschen
Leute aus sehr vielen Ländern, und es gibt zahlreiche Kooperationsabkommen.
Longyearbyen hat seit einigen Jahren eine "normale" Infrastruktur wie andere skandinavische
Städte. So gibt es beispielsweise einige Geschäfte, Restaurants, Kneipen, Hotels, Post, Bank, ein
kleines Krankenhaus, eine Tankstelle, eine Autowerkstatt, eine Schule, einen Kindergarten, ein
Schwimmbad, eine Kirche, je ein Elektrizitäts- und Wasserwerk, die Universität (=UNIS),
Flughafen, Campingplatz, eine Galerie, ein Kino und ein Museum. Außerdem hat der
"Sysselmannen på Svalbard", der Gouverneur von Spitzbergen, seinen Amtssitz in Longyearbyen.
Der Sysselmann ist Bürgermeister, Polizeichef und so eine Art Ministerpräsident der norwegischen
Provinz Svalbard in einer Person und direkt König Harald V. unterstellt. Die rote Fahne mit dem
blau-weißen Norwegerkreuz und große Poster von "Kong Harald V. en Koningin Sonia" hängen
überall, in Restaurants, Hotels, Kneipen, der Kirche, dem Museum, der Post... - In Sveagruva,
Barentsburg und Pyramiden waren wir nicht; dort gibt es nur Unterkünfte für die Bergarbeiter und
Verpflegungseinrichtungen, jedoch keine Geschäfte, Restaurants oder Ähnliches. In Ny Ålesund
wird keine Kohle mehr abgebaut; dort befinden sich nur noch Einrichtungen der Arktisforschung
und Unterkünfte für die Forscher. Ny Ålesund ist übrigens die nördlichste menschliche Siedlung der
Erde (ca. 79°N).
Das Alltagsleben in Longyearbyen ist nicht wesentlich von dem in mitteleuropäischen Gefilden
verschieden. Beispielsweise haben die Geschäfte von 8.00 bis 18.00 Uhr geöffnet (unabhängig von
Polarnacht oder Mitternachtssonne), und die Arbeitszeiten sind wie bei uns. Die Preise sind nur
wenig höher als bei uns, da Spitzbergen Zollfreihandelszone ist. Manches ist auch billiger. So gibt
es Leitungswasser überall kostenlos. Kaffee oder Tee kosten zwar drei bis vier Mark pro Pott, es
darf aber mindestens einmal nachgeschenkt werden. Obst und Gemüse sind wesentlich teurer als bei
uns, da sie eingeflogen werden müssen. Dinge des täglichen Bedarfs bekommt man ohne
Schwierigkeiten. Allerdings blüht der Versandhandel, da man z.B. Hifi- und Rundfunkgeräte,
Computer, Möbel und Ähnliches auf dem Festland bestellen muß. Auch solche Dinge werden bei
Bedarf eingeflogen.- Longyearbyen hat nur ca. zweitausend Einwohner, erstreckt sich aber über 7
km. Es gibt deswegen etwa 70 km Straßen in und um Longyearbyen, zu den Kohlegruben und auch
zu einigen Wochenendhäusern in der näheren Umgebung. Offenbar besitzen viele Leute in
Longyearbyen ein solches Wochenendhaus. Außerhalb dieser Straßen herrscht allerdings absolute
Wildnis. Die Straßen sind ganz normal asphaltiert und keine Schotterpisten. Ampeln und
Fußgängerüberwege gibt es nicht, auch keine Bürgersteige. Durch die Weitläufigkeit des Ortes
brauchen die Einwohner das Auto wirklich. Im Gegensatz zu Mitteleuropa gibt es - außer dem
Flughafenbus - keine Dieselfahrzeuge; sie würden nämlich bei arktischen Temperaturen nicht
anspringen. Niemand schließt sein Auto ab. Es wäre überflüssig, denn ein Dieb könnte ja
nirgendwohin abhauen. Die Kriminalitätsrate ist sowieso sehr gering. Auch im Hotel und in
öffentlichen Gebäuden kann man Pässe, Flugtickets, Geld und Wertgegenstände unbesorgt
stundenlang liegenlassen, ohne daß sie gestohlen werden.
Im Ort sieht man an vielen Häusern außen Steckdosen und lange Elektrokabel. Grund: Wer länger
parkt, schließt sein Auto dort an, um die Batterie vollzuladen, damit das Auto anschließend wieder
anspringt.
Die Häuser stehen auf relativ großen Grundstücken; Platz ist ja genug vorhanden. Zäune gibt es
nicht, auch keine Gärten, denn der arktische Sommer dauert nur zwei Monate, und im dortigen
Klima wächst nicht viel. Allerdings habe ich viele große Balkone gesehen und sogar Gartenmöbel
darauf. Wie man bei arktischen Temperaturen auf dem Balkon sitzen kann, ist mir zwar
schleierhaft, aber die Leute müssen es ja wissen. Die Häuser sind alle aus Holz und in
Pfahlbauweise errichtet, damit sie keinen Kontakt zum Permafrostboden haben. Vermutlich wären
sie bei direktem Bodenkontakt extrem fußkalt. Die Pfähle sind meistens wie eine Pergola
verkleidet; in diesem "Hohlraum-Erdgeschoß" wird aber nichts aufbewahrt, es dient wegen der
Kälte auch nicht als Carport oder Schuppen. Das eigentliche Wohnen beginnt erst im ersten Stock.
Von außen sehen diese Häuser aus wie ganz normale skandinavische Holzhäuser - bis auf ein
Detail, das mich anfangs irritiert hat, bis ich merkte, was fehlt: Es gibt keine Regenrinnen.
Spitzbergen hat nämlich Wüstenklima. Es ist dort mit 10-15 % Luftfeuchtigkeit so trocken wie in
der Sahara. Pro Jahr fallen nur ca. 190 mm Niederschlag. Soviel fällt bei uns allein in einem
durchschnittlichen März oder April. Allerdings gibt es immer Schnee, denn durch die niedrigen
Temperaturen fällt das bißchen Niederschlag, das vom Himmel fällt, als Schnee und bleibt liegen.
Nur im Juli und August taut der Schnee an wärmeren Stellen auf, wodurch Longyearbyen dann
ziemlich schlammig werden soll.
Womit verbringt man nun als Tourist seine Zeit in der hohen Arktis? Vor allen Dingen mit An- und
Ausziehen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so sehr gefroren, aber auch noch nie so sehr
geschwitzt wie in Longyearbyen. Natürlich muß man sich vor jedem Gang ins Freie sehr warm
anziehen. Die Temperaturen empfindet man wegen des Wüstenklimas jedoch ganz anders als in
Mitteleuropa. Die Spitzbergener geben deshalb auch nicht die Lufttemperatur an, sondern
sogenannte "effektive Temperaturen", eine Kombination aus Lufttemperatur und Windstärke. Bei
absoluter Windstille empfindet man sogar -20°C nicht als sehr kalt. Im T-Shirt kann man in diesem
Fall zwar nicht herumlaufen, aber man friert wegen des Wüstenklimas wirklich deutlich weniger als
bei uns bei 0°C und den bei uns üblichen 70-80% Luftfeuchtigkeit. Bei Wind wird es jedoch sehr
schnell sehr kalt, die Kälte geht dann durch Mark und Bein.- Soviele Kleiderberge wie in der Arktis
habe ich noch nie vorher gleichzeitig getragen. Vor jedem Gang an die frische Luft wurde sich wie
folgt ausstaffiert: lange Unterhose, darüber normale Hose (Jeans o.ä.), darüber dicke, gesteppte
Skihose, zwei Paar sehr warme Wollsocken, sehr warme Stiefel, T-Shirt, ein bis zwei sehr warme
Pullis (Kaschmir, Merino o.ä.), Schal, Sturmhaube, Stirnband, Sonnenbrille, winddichter, sehr
warm gefütterter Anorak, ein Paar Seidenhandschuhe, ein Paar warme, winddichte Handschuhe.
Anfangs hatten wir manchmal Schwierigkeiten mit der richtigen Reihenfolge.- . Wer fertig
angezogen ist, sollte Häuser schleunigst verlassen, da die Norweger ihre Häuser hervorragend
isolieren und sehr stark heizen. Raumtemperaturen von 24-25°C sind dort völlig normal. Wenn man
lange Unterhose plus Jeans plus Skihose unten sowie zwei Kaschmirpullis übereinander oben trägt,
wird es doch etwas warm. Deshalb habe ich auch in meinem ganzen Leben (außer in der Sauna)
noch nie so sehr geschwitzt. Das Schwitzen konnte selbst nachts zum Problem werden: Wir haben
nachts die Heizung ausgestellt. Schlafen bei offenem Fenster war wegen der tiefen Temperaturen
nicht möglich. Die Bettdecken im Gästehaus bestanden aus einem sehr leichten, bauschigen und
extrem warmen Vlies. Meine Mutter und ich hatten nicht mit derart warmen Decken gerechnet und
deshalb unsere wärmsten Frotteeschlafanzüge eingepackt. Schon nach fünf Minuten unter diesen
Decken wurde es unerträglich heiß, so daß wir bald in T-Shirt und Unterhose bzw. nackt geschlafen
haben. Schlafen war überhaupt nicht so einfach: Durch die ständige Helligkeit gerät die innere Uhr
völlig durcheinander. Man ist nicht so müde, kann aber auch nicht so lange am Stück schlafen.
Spätestens alle zwei Stunden wurden wir wach. Anfangs haben wir beim Wachwerden immer zuerst
auf die Uhr, dann aus dem Fenster gesehen: 21.00 Uhr, 0.00 Uhr, 3.00 Uhr, 6.00 Uhr - es war
immer taghell. Wenn man uns um 20.00 Uhr gesagt hätte, es sei 7.00 Uhr und Zeit zum
Frühstücken, hätten wir es vermutlich geglaubt. Den ständigen Einwohnern geht es ähnlich. Sie
versuchen zwar, trotz der extremen Lichtverhältnisse einen "normalen" Tagesrhythmus
beizubehalten, haben aber auch ihre Schwierigkeiten. Wer nicht gerade früh morgens arbeiten muß,
geht manchmal ab 22.00 Uhr auf Schneeskooter- oder Langlauftour, wenn das Wetter nachmittags
stürmisch, abends jedoch gut ist. In der Arktis ist es ja kein Problem, vor Einbruch der Dunkelheit
Ende September wieder zurück zu sein. Andererseits haben die Einwohner Spitzbergens im
arktischen Winter bei monatelanger völliger Dunkelheit Schwierigkeiten, richtig wach zu werden
bzw. zu bleiben.
Untergebracht waren wir in einem ehemaligen Bergarbeiterwohnheim, das zum Gästehaus
umgebaut wurde. Die Hotels auf Spitzbergen sind nicht gerade billig, und dieses Gästehaus war
noch die preiswerteste Unterkunft. Zunächst hatte ich Bedenken, weil es im Gästehaus
gemeinschaftliche Sanitäranlagen gibt, doch ich wurde sehr positiv überrascht. Die Waschräume
wurden zweimal täglich geputzt und waren - wie alles auf Spitzbergen - pieksauber. Beim
Frühstücksbuffet konnte man auch nicht meckern, es war total üppig. Das Hauptgebäude des
"Nybyens Gjestehus" befand sich ca. 50 m von unserem "Schlafhaus" entfernt auf der anderen
Straßenseite. Trotz dieser geringen Entfernung mußte man sich aber für den kurzen Weg komplett
anziehen; nur 'mal kurz in Hausschuhen über die Straße gehen wie in Mitteleuropa ist wegen der
Kälte nicht machbar. In allen Hotels, Geschäften, Restaurants und Privathäusern gibt es relativ
große Garderoben, damit man die wärmsten Kleidungsstücke ablegen kann. In Privathäusern und
Hotels ist es Pflicht, in diesen Garderobenräumen die Schuhe auszuziehen; alle anderen Räume
dürfen nur auf Strümpfen oder barfuß betreten werden. In Restaurants und Geschäften muß man die
Schuhe nicht ausziehen, wohl aber z.B. im Museum und in der Kirche. Das Ausziehen von warmen
Pullovern und Skihosen ist nicht Pflicht, wegen des norwegischen Heizwahns jedoch dringend
anzuraten. Der geneigte Mitteleuropäer kann sich jetzt vielleicht vorstellen, wieviel Zeit man in der
Arktis für das An- und Ausziehen veranschlagen muß.
Was macht man nun den ganzen Tag auf Spitzbergen bzw. in Longyearbyen? Wir sind ziemlich viel
spazierengegangen. Unser Gästehaus war ca. 3 km vom Ortskern entfernt, so daß wir schon ein
ganzes Stück gelaufen sind, um in den Ort und zurück zu gelangen. Meist haben wir uns mit meiner
Schwester Silke getroffen. Einige Male haben wir uns die Einrichtungen von UNIS angesehen. Dort
ist alles noch sehr neu und auf dem neuesten Stand der Technik, nicht so altersschwach bis verrottet
wie in manchen deutschen Universitätsinstituten. Bei UNIS hat jeder Student seinen eigenen
Pentium-PC mit Internetanschluß, und die Fenster schließen korrekt... Ansonsten haben wir viel
Zeit im Café Busen verbracht. "Busen" wird norwegisch "Büsen" ausgesprochen und hat nichts mit
weiblicher Oberweite zu tun, sondern bedeutet schlicht Kumpel. Es ist eine umgebaute
Bergarbeiterkantine, urgemütlich-familiär und Treffpunkt für alle. Die Italiener (Pavarotti,
Silberlocke, den Kameramann und die Sportler), Franzosen und Österreicher haben wir fast täglich
mehrmals dort getroffen.
Wenn Silke mit ihrer Arbeit im Institut fertig war, sind wir in der Umgebung von Longyearbyen
unterwegs gewesen. Schneespaziergänge kennen wir auch, in der Arktis sind sie aber ganz anders.
Silke durfte sich für einige Tage das Auto eines Freundes leihen, so daß wir uns auch einige
Kilometer außerhalb des Ortes umsehen konnten. Einige Kilometer außerhalb von Longyearbyen
gibt es noch ein paar bessere Feldwege, die zu den Wochenendhäusern und Bergwerken führen,
danach herrscht absolute Wildnis. Eine derartige Menschenleere und Abwesenheit von jeglicher
Zivilisation gibt es in den gemäßigteren Zonen nicht. Man sieht keine Überlandleitungen, keine
Bahnschienen, Feldwege oder sonstige Hinweise auf Menschen. Bäume gibt es auch nicht, nur Fels,
Eis und sehr wenige arktische Gräser. Wie eine Wiese kann man sich das aber nicht vorstellen, nur
hin und wieder lugen ein paar dürre, grünlich-braune Halme an geschützten Stellen aus dem
Schnee. Es gibt auf Spitzbergen einige Pflanzen, allerdings haben sie nur eine sehr kurze
Vegetationsperiode von zwei Monaten (Juli/August), wenn es an geschützten Stellen eisfrei ist.
Sogar eine Baumart hat sich dorthin verirrt, die Polarweide. Sie wird aber nur ca. 10-15 cm hoch.
Auf Spitzbergen leben ausschließlich Norweger vom Festland, die natürlich "richtige" Bäume
kennen. Jedes Jahr im Dezember bringt das Flugzeug Weihnachtsbäume mit. In den letzten Jahren
hat es sich in Longyearbyen eingebürgert, die nicht mehr benötigten Tannen und Fichten Anfang
Januar in einer langen Reihe unterhalb von Friedhof und Kirche aufzustellen. Die Bäume wachsen
natürlich in der Arktis nicht an, dessen ungeachtet halten sie sich bis weit in den Mai hinein frisch.
Norweger lieben den Wald und sind begeisterte Skilangläufer. Auch die Norweger in Longyearbyen
möchten das Gefühl haben, wie in ihren Heimatorten beim Langlauf einen Wald zu durchqueren,
selbst wenn es sich dabei nur um den "Miniwald von Longyearbyen" handelt!
Durch das Fehlen der Vegetation (zumindest im April) fallen die Orientierung im Gelände und vor
allem das Abschätzen von Entfernungen sehr schwer. Es ist niemandem anzuraten, sich ohne Karte,
Kompaß, Funkgerät, Gewehr und genaue Kenntnis des Geländes in diese Gebiete zu begeben.
Selbst erfahrene Einwohner und Fremdenführer müssen beim Verlassen des Ortes angeben, wann
sie wohin gehen. Man muß diese Spaziergänge nicht irgendwo offiziell anmelden, aber eben
jemandem Bescheid sagen, da ein Ausflug wegen der Kälte und der Eisbären schnell sehr gefährlich
werden kann. A propos Orientierung: Ich kann nicht behaupten, gut Entfernungen schätzen zu
können. In Mitteleuropa habe ich jedoch selbst im Gebirge ein gewisses "unterschwelliges Gefühl"
für Entfernungen - und es gibt überall Orientierungspunkte wie Bäume (oder eine Baumgrenze im
Gebirge), Häuser, Strommasten usw., mit deren Hilfe man Entfernungen abschätzen kann. In der
hohen Arktis fehlt das völlig. Außerdem ist die Luft extrem klar (keinerlei Luftverschmutzung,
kaum Wasser in der Luft) und ohne Trübungen. Man kann ohne weiteres 30 km weit sehen und hat
das Gefühl, dieser 30 km entfernte Fels oder Gletscher sei maximal einen Kilometer entfernt.
Schwer vorstellbar, aber wirklich war.- Auf einer dieser Wanderungen im Bjørndalen haben wir
Rentiere gesehen. Sie leben wild auf Spitzbergen, sind aber fast zutraulich, da sie keine natürlichen
Feinde haben. Eisbären jagen nur Robben, denen sie an den Luftlöchern im Eis auflauern. Rentiere
werden von ihnen nicht angegriffen. Eisbären könnten zwar rennen, sind aber durch ihren Pelz
extrem gut kälteisoliert und würden einen Hitzschlag bekommen, wenn sie einem Rentier
hinterherrennten. Die Rentiere sind, wie gesagt, nicht domestiziert, dafür aber sehr neugierig.
Einmal kam ein Pärchen sogar ziemlich nahe an uns heran, bis auf ca. 10 m.- Bei einem anderen
Spaziergang auf dem zugefrorenen Adventfjorden haben wir von weitem eine Robbe gesehen. Sie
hatte sich ein Luftloch ins Eis gebohrt, war auf das Eis gekrabbelt und sonnte sich. Robben sind
allerdings sehr scheu und verschwinden sofort, wenn sie ein anderes Lebewesen bemerken. Sie sind
die Hauptnahrung der Eisbären und deshalb sehr wachsam.-Fotografieren ist auf Spitzbergen
übrigens gar nicht so einfach und führt oft zu unscharfen Bildern, weil die Kameramechanik in der
Arktis sehr schnell einfriert und z.B. die Blende viel länger offenbleibt, als man es eigentlich
möchte.
Beeindruckend und völlig ungewohnt ist vor allem die absolute Stille außerhalb des Ortes. Wenn
kein Wind geht, hört man absolut nichts. Wer die Arktis nicht kennt, ist sicher fest davon überzeugt,
"Stille" zu kennen. Hat man die Arktis erlebt, merkt man erst, wieviele Geräusche es in unserer
sogenannten Stille noch gibt. Es gibt keine Blätter, die rauschen könnten, keine kleinen Tiere, die
sich raschelnd durchs Unterholz bewegen wie bei uns, keine Insekten, die summen, keine singenden
Vögel, nicht einmal Möwen waren zu hören. Da der Adventfjorden zugefroren war - er ist nur im
Juli und August eisfrei -, fanden Seevögel keine Nahrung und hielten sich deshalb in südlicheren
Gefilden auf. Nur der Mensch selbst macht Geräusche, wenn z.B. ein Anorak bei Bewegung
raschelt oder Schritte im Schnee knirschen. Der Schnee hat eine ganz andere Konsistenz als bei uns.
Wir kennen zwar trockenen Pulverschnee, der Schnee in der Eiswüste ist aber noch viel "trockener"
(obwohl Schnee natürlich immer aus gefrorenem Wasser besteht). Er fühlt sich an wie hauchfein
zermahlenes Glas, was bei Sturm besonders unangenehm ist, da dieser feine Schneestaub ein viel
beißenderes Gefühl auf der Haut verursacht als "unser" Schnee.
Zwei Schneeskootertouren haben wir mitgemacht, was total faszinierend war. Schneeskooter sind
so eine Art Motorräder auf Kufen. Die erste Tour haben wir mit Silke und einem ihrer UNIS-
Kollegen gemacht. Die Skooterausrüstung bekamen wir geliehen (wattierter Anzug, spezielle
Moonboots, Skibrille usw.). Dummerweise haben meine Mutter und ich unsere Brillen unter den
Skibrillen getragen. Das war ein großer Fehler, denn die Brillen beschlugen nach dem Start fast
sofort. Beim ersten Zwischenstopp habe ich meine Brille dann tunlichst abgesetzt. Es ging wirklich
über Stock und Stein bzw. Fels und Eis in die absolute Wildnis, total faszinierend und mit Worten
kaum zu beschreiben. Allerdings wird es auf dem Skooter zumindest für den Sozius, also meine
Mutter und mich, durch den Fahrtwind relativ schnell sehr kalt. Der Fahrer selbst bekommt
wenigstens noch etwas Motorwärme ab. Beim Skooten muss man mindestens alle halbe Stunde
anhalten und herumspringen, um sich warmzuhalten, trotz der warmen Kleidung. Andernfalls
erfriert man sich schnell Nase und Ohren. In diesem Punkt habe ich mich ein wenig über meine
Schwester geärgert: Sie hat einige Arktiserfahrung und ist mit vielem vertraut, das uns
Mitteleuropäern einfach nicht in den Sinn käme. Für sie sind viele dieser Dinge aber so
selbstverständlich, daß sie gar nicht auf die Idee käme, andere vorab darüber zu informieren. Im
Gegenteil, sie reagiert sogar leicht ungehalten, wenn man sie nach solchen Dingen fragt. So haben
meine Mutter und ich beim Ankleiden für diese erste Tour versucht, Gesicht und Hals durch Schals
zu schützen. Das ist komplizierter, als man denkt, denn wenn der Hals gut geschützt ist, geht der
Anorak nicht mehr zu, außerdem verrutscht ein Schal leicht während der Fahrt und legt dann Nase
und Ohren frei, die leicht abfrieren könnten. Wenn man den Schal zu fest wickelt, kann man kaum
mehr durch Mund oder Nase atmen. Meine Mutter und ich plagten uns also mit den Schals ab,
während Silke seelenruhig eine Neoprenmaske aus der Tasche zog und aufsetzte. Diese Masken
sind hauchdünn (ca. 1-2 mm stark), aber sehr warm und absolut winddicht. Sie bedecken den Kopf
bis zu den Unterlidern sowie Ohren, den gesamten Nacken und den Hals. Dadurch läßt sich der
Anorak bequem schließen, und mit Stirnband, Skibrille und Kapuze ist auch der Kopf komplett
geschützt. Die Masken werden am Hinterkopf und im Nacken mit einem durchgehenden Klettband
geschlossen. Sie haben einen schmalen Schlitz für die Nase und sehr kleine, punktförmige Löcher
in Mundhöhe. Die Masken sehen sehr unbequem aus, sind jedoch angenehm zu tragen. Vor allem
ist man rundum warm, vor Wind und Erfrierungen geschützt und kann bequem atmen. Meine
Mutter und ich haben diese Masken in einigen Sportgeschäften gesehen, uns aber nichts dabei
gedacht. Hätte Silke uns den Zweck dieser Dinger erklärt, hätten wir uns schon vor der ersten
Skootertour entsprechend ausgerüstet. So haben wir mit den ständig drückenden, rutschenden und
vor allem winddurchlässigen Schals gekämpft. Die Tour war schon toll, doch ich habe in meinem
ganzen Leben noch nie so sehr gefroren. Mit Fahrtwind und Lufttemperatur kamen wir auf eine
Effektivtemperatur von ca. -30°C. Mit entsprechender Ausrüstung ist das kein Problem, doch mir
kroch die Kälte von Fingern und Gesicht langsam in den ganzen Körper. Winddichte Handschuhe
hatte ich damals auch noch nicht. Die speziellen Skooterhandschuhe sind zwar sehr warm und
eigentlich winddicht, aber meine waren etwas zu groß, so daß mir doch die Kälte in die Finger
kroch. Noch dazu war ich tierisch erkältet, wofür Silke natürlich nichts konnte.
Hier ist ein kleiner Einschub fällig: Auf Spitzbergen gibt es fast keine Viren oder Bakterien, auch
keine Pollen oder Pilze, da das Klima zu kalt und vor allem zu trocken ist. Die Luft ist fast steril.
Erkältungskrankheiten und andere Infektionen sind bei den Einheimischen daher so gut wie
unbekannt. Nur wenn Touristen Viren und Bakterien vom Festland einschleppen, fangen sich auch
die Einheimischen Infekte ein. Das Klima ist ideal für Pollenallergiker. Allerdings ist das
Immunsystem der Einheimischen nicht sehr trainiert, so daß sie bei Reisen in gemäßigtere Zonen in
den ersten Tagen eigentlich immer mit Durchfall und Erkältungen zu kämpfen haben.- Ich habe im
Flugzeug leider vor einer stark erkälteten Frau gesessen und mir eine dicke
Nebenhöhlenentzündung eingefangen. Auf der Skootertour ist mir buchstäblich der Rotz im Gesicht
gefroren. Dummerweise hatte ich nur wenige Tempos von zu Hause mitgenommen, im festen
Glauben, man könne so etwas immer noch auf Spitzbergen kaufen. Pustekuchen! Da es keine
Erkältungen gibt, gibt es auch keine Tempos zu kaufen, lediglich einen "Tempo-Ersatz", so eine Art
Klopapier ohne Papprolle in der Mitte. Das habe ich einmal versucht, dann bin ich auf Küchenkrepp
umgestiegen.
Zurück zur Skootertour: Spitzbergen ist, wie der Name schon andeutet, sehr bergig. Hinter jeder
Biegung und hinter jedem Hügel bot sich ein völlig neuer Ausblick. Die Aussicht bestand zwar
ausschließlich aus nackten, schiefergrauen Felsen, Schnee und Eis, doch dies in immer neuen
Variationen. Irgendwie majestätisch, auch ein wenig abweisend und durch die völlige Stille auch
etwas unheimlich. Diese Eindrücke lassen sich sehr schwer in Worte fassen; wenn man es versucht,
klingt es leicht schwülstig oder albern. Der Himmel ist in der Arktis ganz anders blau als bei uns. In
der Arktis ist das Blau nicht dunkler, aber eben ein ganz anderer Farbton als bei uns, irgendwie
seidig-kühl und doch viel intensiver.- Unsere erste Skootertour haben wir gegen 20.00 Uhr
begonnen, heimgekehrt sind wir um Mitternacht. Gegen 23.00 Uhr sah man den Sonnenball in
Nord-Nordwest am Horizont versinken, gegen 1.00 Uhr tauchte er in Nord-Nordost wieder auf. In
den zwei Stunden dazwischen kamen die Sonnenstrahlen noch über den Horizont (leichte
Dämmerung), so daß es immer noch sehr hell war.- Wer auf der Nordhalbkugel zur Schule
gegangen ist, kennt sicher den Spruch: "Im Osten geht die Sonne auf, im Süden nimmt sie ihren
Lauf, im Westen wird sie untergeh'n, im Norden ist sie nie zu sehen." Stimmt auch - mit Ausnahme
des Nordpolarkreises. Dort ist sie zur Zeit der Sommersonnenwende Ende Juni gegen Mitternacht
im Norden ganz knapp über dem Horizont zu sehen, so daß man über den Tag verteilt die Sonne in
allen vier Himmelsrichtungen zu sehen bekommt. Um 12.00 Uhr mittags erreicht sie natürlich auch
in der Arktis ihren höchsten Punkt, aber selbst dann steht sie viel niedriger als in Mitteleuropa. Dies
alles ist natürlich banales Schulwissen; trotzdem fand ich es faszinierend, es einmal "live und in
echt" mitzuerleben.
Die Skootertour ging zu einer Hütte von UNIS mitten in der Wüste. Es gibt sogar Leute, die in der
Wildnis campen, bei Temperaturen bis zu -40°C. Die Hütte war klein, aber sehr gemütlich. Wasser
muß man sich allerdings durch Schneeschmelzen beschaffen. Interessant sind die
Bedürfnishäuschen dieser Hütten (wir haben während unseres Aufenthaltes mehrere gesehen). Es
handelt sich um Plumpsklos in der Nähe dieser Hütten, von daher nichts besonderes. Man muß
seine Geschäfte allerdings technisch versiert verrichten, sonst friert man mit seinem nackten
Hintern auf dem Donnerbalken fest, falls man versucht, sich hinzusetzen. Wer die Hockstellung
bevorzugt, hat auch Probleme, denn man muß ja zwangsläufig eine Menge Kleidung verschieben,
um sein Geschäft verrichten zu können. Die Hosenschichten hängen dann als dicke Wurst um die
Oberschenkel. Wer nicht aufpaßt, pinkelt leicht in diesen Stoffwust statt in die Öffnung des
Plumpsklos - vorne oder hinten, je nachdem, ob man Männlein oder Weiblein ist. Da es auf
Spitzbergen keine Fäulnisbakterien gibt, verwest auch nichts. Deshalb muß jeder Hüttentourist die
Exkremente seiner Vorgänger in einer Plastiktüte mitnehmen, sonst quellen die Plumpsklos nämlich
schnell über. Das klingt nicht sehr appetitlich. Die tiefen Temperaturen bewirken aber, daß
Exkremente sehr schnell gefrieren und dann auch nicht mehr riechen. Übrigens darf man auf
Spitzbergen überhaupt nichts wegwerfen, nicht einmal Apfelkrotzen oder sonstige
Lebensmittelreste, weil eben nichts verwest. So ein Apfelkrotzen könnte nämlich auch nach
dreißig (!) Jahren noch unverändert dort liegen. Er würde wegen der Kälte und der Abwesenheit
von Fäulnisbakterien noch nicht einmal braun.
Die Abwesenheit von Fäulnisbakterien führte unter anderem dazu, daß lediglich Anfang dieses
Jahrhunderts ein paar Menschen in Longyearbyen beerdigt wurden, die bei Grubenunglücken
umgekommen waren. Beerdigt wird ansonsten auf dem norwegischen Festland. Die heutigen
Einwohner haben alle Zeitarbeitsverträge für die hohe Arktis, bleiben maximal zehn bis fünfzehn
Jahre und kehren dann relativ wohlhabend aufs norwegische Festland zurück. In Spitzbergen wird
selbst für ohnehin reiche norwegische Verhältnisse extrem gut bezahlt, so daß die Ersparnisse von
zehn Jahren locker ausreichen, um sich ein komfortables Haus in Südnorwegen zu leisten. Die
Menschen leben außerdem auf Spitzbergen sehr billig. Außer Lebensmitteln ist fast alles billiger als
auf dem norwegischen Festland, da die Inselgruppe Zollfreihandelszone ist. Vieles muß zwar auf
dem Festland bestellt werden (z.B. Möbel, Autos, Hifi-Geräte), doch diese Dinge muß man nicht
jeden Monat neu kaufen. Folge der Zeitvertragspraxis ist, daß es auf Spitzbergen keine alten
Menschen gibt. Meine Mutter kam sich mit ihren 58 Jahren regelrecht uralt vor. Das
Durchschnittsalter dürfte irgendwo zwischen 25 und 30 Jahren liegen.
Auf der Schneeskootertour gab es nicht nur Kälte, sondern auch etwas zu lachen: Nach der Pause in
der UNIS-Hütte bat Silkes meine Mutter, den Lenker des Skooters festzuhalten, während sie den
Seilzuganlasser betätigte. Meine Mutter tat wie geheißen und hielt den Lenker eisern fest. Der
Skooter schoß nach dem Anlassen wie eine Rakete nach vorne, direkt auf einen Brennholzstapel zu.
Meine Mutter hielt den Lenker immer noch eisern fest und sauste waagrecht in der Luft liegend auf
den Holzstapel zu. Kurz vor der Kollision ließ sie endlich los, wurde zurückgeworfen und landete
wie ein hilfloser Käfer auf dem Rücken. Skootermäßig eingemummelt war das Aufstehen gar nicht
so leicht. Wir haben Tränen gelacht. Dem Skooter ist übrigens nichts passiert.
Wir kamen so spät von dieser Tour zurück, daß die Küchen aller Restaurants geschlossen waren.
Vor lauter Frust (und Hunger) habe ich dann im "Kroa", einer Kneipe im Wikingerstil, ziemlich viel
Bier getrunken. Bier ist in Norwegen relativ teuer, ca. 32-40 NKR für einen halben Liter (8-10
DM). An diesem Abend half aber nur noch saufen - und anschließend eine halbe Stunde so heiß wie
möglich duschen, um Finger und Zehen wieder zu spüren. Das norwegische Bier schmeckt gar nicht
schlecht und heißt witzigerweise "Øl" (gesprochen wie unser Öl ).
A propos Essen: Das Essen ist ziemlich international, viel Pizza- und Nudelgerichte, Hamburger
und Schnitzel. Fisch gibt es in der Haupttourismussaison selten, da der Adventfjorden nur zwei
Monate eisfrei ist. Alle Fische müssen aus südlicheren Gegenden eingeflogen werden und sind
entsprechend teuer. Ansonsten kostet Essengehen etwa genauso viel wie bei uns. Die
Haupttourismussaison ist von April bis Mai. Von Mitte Oktober bis Mitte Februar herrscht
Polarnacht, von Mitte Februar bis Ende März gibt es heftige Frühjahrsstürme, von Juni bis August
ist es im arktischen Sommer oft sehr neblig, im September gibt es Herbststürme, und danach wird
es schon wieder dunkel. Im April und Mai ist es dagegen hell und für die dortigen Verhältnisse
nicht ganz so windig wie sonst.
Zurück zum Essen. Auffällig ist, daß die Gemüse- und Salatportionen sehr viel kleiner sind als bei
uns.Alles muß ja eingeflogen werden. An Tagen, an denen viele neue Touristen nach Longyearbyen
fliegen, bleibt im Flugzeug wenig Stauraum für Frischkost. Das wenige Obst und Gemüse muß
dann auf entsprechend viele Leute verteilt werden. Auch andere Dinge wie Eier oder Schinken
werden in der Hauptsaison an einigen Tagen knapp. Manchmal führt der Mangel an Vielfalt auch zu
recht eigenwilligen Kreationen der Köche. So habe ich einmal an einem offenbar besonders
knappen Tag Spaghetti Carbonara bestellt. Eier und Schinken waren aber aus, was mir keiner sagte.
Zu Essen bekam ich dann Spaghetti mit Lauch und Steckrüben in einer Sahnesauce. Etwas
ungewöhnlich, aber gar nicht schlecht. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Hungern muß auf
Spitzbergen niemand, und diesen Mangel an Vielfalt (nicht Mangel an Nahrungsmitteln allgemein!)
gibt es nur in der Hauptsaison. Zu anderen Zeiten haben die Flugzeuge mehr Platz, um Frischkost
mitzunehmen, und die frischen Waren verteilen sich auf wesentlich weniger Abnehmer, so daß die
Einwohner nicht an Vitaminmangel zugrundegehen.
Man kann in Longyearbyen auch ganz exquisit speisen, z.B. im "Funken Hotell", dem ältesten
Etablissement der Stadt. Es ist ziemlich nobel, im Erdgeschoß teuer skandinavisch, im ersten Stock
nobel englisch eingerichtet. Wir waren nur einmal in der Funken Bar im englischen Kaminzimmer
etwas trinken. Das Funken Restaurant soll zu den besten Restaurants in ganz Norwegen gehören
und war für uns nicht erschwinglich. Dafür haben wir einmal an einem "arktisk Buffet" im "Huset"
teilgenommen und haben bei dieser Gelegenheit Filetsteak vom Schweinswal und vom Rentier,
Seehundschinken, viel Fisch und mehrere Sorten Kaviar probiert. Hört sich alles total verfressen an,
doch ansonsten haben wir viel weniger gegessen als zu Hause. Irgendwie läßt der Hunger in der
Eiswüste stark nach, was uns andere Leute bestätigt haben. Trotz der vielen Bewegung an der
frischen Luft war der Hunger nicht groß, und das Schlafbedürfnis war wegen der ständigen
Helligkeit auch viel geringer als sonst. Meine Mutter und ich sind eigentlich totale Süßmäulchen
und haben ziemlich viele Süßigkeiten mitgebracht. Während der ersten zwei Tage in Longyearbyen
haben wir noch ab und zu ein paar Schokoriegel gegessen, dann verließ uns die Lust darauf. Das
einzige, was wir verstärkt zu uns genommen haben, war Flüssigkeit, vor allem Wasser. In diesem
Punkt bemerkt man das Wüstenklima, auch wenn es sich um eine Eiswüste handelt. Durst hat man
eigentlich immer. Zum Glück gab es überall kostenlos Leitungswasser.
In der Bar des "Funken Hotell" haben wir über Silke Roberto kennengelernt. Er ist
Atmosphärenchemiker aus Rom und leitet die italienische Forschungsstation in Ny Ålesund.
Abgesehen von einem sehr netten Abend in der Bar haben wir ihm auch einen tollen Ausflug zu
verdanken. Wir hatten vor, einmal nach Ny Ålesund zu kommen, der nördlichsten Siedlung der
Erde. Leider kann man nur per Hubschrauber von Longyearbyen aus dorthin gelangen. Der
Hubschrauberflug kostet 2.400,- bis 4.000,- DM, je nach Anzahl der Sitzplätze. Selbst in einem
vollbesetzten großen Hubschrauber hätte der Flug mindestens 400,- DM pro Person gekostet.
Roberto hatte allerdings Kontakte zu einem Fernsehteam von RAI 3, das einen Bericht über
Spitzbergen drehte und unter anderem einen Tagesausflug nach Ny Ålesund plante. Der
Hubschrauber sollte das Team morgens hinbringen und abends wieder abholen. Roberto versprach
nachzufragen, ob wir beim "Abholflug" mit in den Hubschrauber dürften, falls noch Plätze
vorhanden wären. Und es klappte! Wir durften sogar alle drei mitfliegen. In Ny Ålesund durften wir
aber nicht aussteigen, da jede Person beim Verlassen des Hubschraubers saftige Landegebühren
entrichten muß. Egal, allein der Flug war ein Erlebnis. Zuerst ging es über den Adventfjorden. Der
Adventfjorden öffnet sich nach Westen zum offenen Eismeer hin. Longyearbyen liegt an seinem
östlichen Ende. Ein kleines Stück flogen wir an der Grenze zwischen zugefrorenem Fjord und
offenem Eismeer, dann ging es in nördlicher Richtung über Westspitzbergen nach Ny Ålesund.
Natürlich waren wieder vor allem Fels und Eis zu sehen. Die Landschaft sah aber ganz anders aus
als im Osten und Süden von Longyearbyen. Im Nordwesten Spitzbergens sind die Berge höher, die
Täler aber viel weitläufiger als im Osten und Süden. Kurz vor Ny Ålesund konnte man im Osten die
"Tre Kroner" (Drei Kronen) erkennen, eine Felsformation, die aussieht wie drei riesige Kronen. Der
Anblick war wirklich gigantisch. Kurz darauf sah man aus der Luft schon das "Blaue Haus" (die
deutsche Alfred-Wegener-Forschungsstation des Ortes), das "Norsk Polarinstitutt" und das
nördlichste Postamt der Erde. Der Hubschrauber landete, und kurz darauf stieg das Fernsehteam
ein. Man ahnt es: Es waren Silberlocke, Pavarotti und der immermüde Kameramann, die uns
freundlich grüßten. Sie arbeiteten bei der Reiseredaktion von RAI 3 und drehten einige Filme über
exotische Reiseziele, unter anderem über Spitzbergen. Mit der italienischen Sportlergruppe, die am
selben Tag nach Longyearbyen gekommen war, hatten sie nichts zu tun. Die Leute von RAI 3
wollten keinen Pfennig (bzw. Öre oder Lira) von uns, da sie meinten, die Fernsehanstalt bezahlte
den Flug sowieso, egal, wieviele Leute mitflögen, und ohne Roberto wären sie sowieso nicht nach
Ny Ålesund gekommen. Es mag merkwürdig klingen, daß ich immer diese Spitznamen für sie
verwende, doch ich weiß bis heute nicht, wie sie wirklich heißen.
Der immermüde Kameramann filmte übrigens auch vom Hubschrauber aus. Er hatte die komplette
Kamera mit Ausnahme der Linse in einen warmen Überzug eingepackt, damit sie nicht einfror. Ich
nenne ihn den "immermüden" Kameramann, weil ich ihn nur total übermüdet erlebt habe; jedenfalls
sah er immer so aus. Er trug immer einen orangen Overall. Selbst in den warmen Innenräumen zog
er den Overall nie ganz aus, sondern streifte immer nur das Oberteil über die Hüften. Der Schritt
des Overalls hing stets auf halber Höhe zwischen Oberschenkel und Knie. Auf Kniehöhe baumelten
die leeren Ärmel. Hosenträger verhinderten, daß ihm die Konstruktion vollends auf die Fußknöchel
rutschte. Er selbst schien sich immer mit letzter Kraft an Tischplatte oder Tresen festzuhalten.
Betrunken habe ich ihn nie erlebt, nur eben ständig total erschöpft. Silberlocke war dagegen stets
wie aufgedreht und redete permanent wie ein Wasserfall. Über allem thronte schweigend und
wachsam wie ein Buddha Little Pavarotti und schaute stumm um den ganzen Tisch herum (wenn er
nicht gerade kaute). Ich möchte nicht wissen, wieviel er in gemäßigten Klimazonen frißt...
Nach dem großen Frieren bei der ersten Skootertour haben meine Mutter und ich uns schleunigst
Neoprenmasken und winddichte Handschuhe gekauft. Diese Teile haben uns wirklich gute Dienste
geleistet; ich würde keinem Arktistouristen raten, darauf zu verzichten. Durch diese Ausrüstung
verlief die zweite Skootertour doch etwas bequemer, weil nicht so kalt. Silkes Beziehungen sorgten
einmal mehr dafür, daß wir umsonst zu einmaligen Erlebnissen kamen. Als "normale" Touristen
ohne solche Kontakte hätten wir uns derartige Ausflüge vermutlich gar nicht leisten können, denn
Skooterfahren ist nicht billig. Diesmal fuhren wir mit Silke und ihrem Bekannten Edwin. Edwin
hatte Silke schon mehrfach sein Auto geliehen, damit sie uns herumkutschieren konnte. Er arbeitet
bei Svalbard Safari, dem örtlichen Tourenveranstalter, und fuhr an diesem Tag mit uns zum
Tempelbren ("Bren" heißt Gletscher). Zunächst ging es nach Nordosten Richtung Sveagruva. Wie
schon erwähnt, sind die Täler im Süden und Osten der Insel ziemlich eng. Meine Mutter hatte bei
dieser steilen und durch Edwins Fahrweise auch rasanten Berg- und Talfahrt zunächst etwas Angst.
Ich bin als Silkes Sozia hinterhergebrettert und fand es total toll. Hinter einem Bergkamm fiel das
Gelände schließlich nur noch allmählich ab und öffnete sich zu einem sehr weiten, langgestreckten
Tal. Direkt vor uns lag ein Gletscher, bei dessen Anblick sofort klar wurde, warum er
Tempelgletscher heißt: Er sieht aus wie eine riesige gotische Kathedrale. Rechts und links dieses
Gletschers befinden sich gewaltige, blockförmige Felsformationen, die fast wie der Kreuzgang
eines Klosters wirken. Die Gipfel dieser Felsformationen sitzen wie Zwiebeltürmchen auf den
Felsblöcken. Wer es nicht gesehen hat, kann es sich kaum vorstellen; der Anblick ist gigantisch. Nie
hätte ich gedacht, daß Eis soviele Farben haben kann. Bei den farbigen Stellen im Eis handelt es
sich offenbar nicht um Mineraleinschlüsse, die Farben kamen angeblich durch verschiedene
geologische Prozesse während der Gletscherbildung zustande. Die eisbedeckten Felsformationen
rechts und links des Tempelgletschers schimmerten Grau und Blau, von Zartgrau über Schiefergrau
bis zum dunklen Anthrazit, von hellem Eisblau über Türkis bis zum Nachtblau. Es sieht fast so aus,
als ob Mönche in grauen Kutten durch einen Kreuzgang gehen. Der Tempelgletscher selbst ist noch
erstaunlicher, dort hat das Eis noch mehr Farben. Sogar Rosa, Schilfgrün, Jadegrün, Meergrün und
Ockertöne sieht man dort. An manchen Stellen sind große Eisflächen klar wie Glas, und diese
glasklaren Stücke sind außerdem ziemlich dick. Wenn man seiner Phantasie freien Lauf läßt, wirkt
es ein wenig, als ob Chagall, Picasso und Dalì Madonnenfiguren, Kanzeln, Taufbecken und
Heiligenstatuen dorthin gestellt hätten.- Als wir den Tempelgletscher zum ersten Mal im Blickfeld
hatten, dachten meine Mutter und ich, er sei vielleicht zwei Kilometer entfernt. Ich habe schon
geschrieben, daß man in der Arktis jedes Gefühl für Zeit und Raum verliert. Mit einer
Luftspiegelung wie bei einer Fata Morgana in der Sahara hat das aber nichts zu tun, es liegt
vielmehr an der völlig klaren, trockenen Luft und der Abwesenheit von optischen
Orientierungspunkten. Jedenfalls fuhren wir noch eine ganze Weile durch die weite Ebene auf den
Gletscher zu, hätten aber nicht sagen können, wie lange und wie weit. Skooter können nebenbei
bemerkt über 100 km/h schnell fahren. Als wir am Tempelbren angekommen waren, haben wir
erfahren, daß wir vom ersten Anblick des Gletschers bis zum Rastplatz unmittelbar vor ihm über 30
km gefahren waren. Die Weite der Arktis läßt sich eben nicht erfassen. Am Fuß des Gletschers
haben wir Rast gemacht und den mitgebrachten Kaffe getrunken. An diesem Tag betrug die
Lufttemperatur "nur" -20°C, doch es war sehr windig, so daß sich eine Effektivtemperatur von -
37°C ergab. Der Kaffee kam zwar heiß aus der Thermoskanne, kühlte aber in Sekundenschnelle ab
und war nach 30 Sekunden nur noch lauwarm. Den Mund hätte man sich unmöglich verbrennen
können. Am Fuß dieses Gletschers haben wir übrigens frische Eisbärenspuren gesehen. Eisbären
selbst sind uns allerdings während des gesamten Aufenthaltes nicht begegnet. Auf dem Weg zurück
nach Longyearbyen haben wir kurz an einer weiteren Hütte mitten in der Wildnis haltgemacht. Wer
will, kann nämlich über Svalbard Safari auch Mehrtagestouren buchen und in solchen Hütten oder
im Zelt übernachten. Meine Mutter überkam ein menschliches Bedürfnis, und sie benutzte
tatsächlich das dortige Plumpsklo. Ich dagegen hatte panische Angst, in dieser Kälte meinen
Hintern freilegen zu müssen, und habe deshalb schon seit Beginn dieses Tages kaum etwas
getrunken. Trotzdem hat es mich auf der Rückfahrt ganz schön pressiert, aber um nichts in der Welt
hätte ich bei -37°C im Freien gepinkelt. Dafür war ich sehr schnell, als wir wieder in Longyearbyen
angekommen waren.- Auf der Rückfahrt haben wir mitten auf einem Hochplateau einen einzelnen
ehemaligen Weihnachtsbaum gesehen, den ein Scherzbold nicht wie alle anderen Leute unterhalb
der Kirche aufgestellt, sondern mit dem Schneeskooter weggefahren und in der Pampa plaziert hat.
Nun noch ein paar Bemerkungen zu den Eisbären: Wer irgendwo am Ortsrand von Longyearbyen
steht, sieht ein dreieckiges Verkehrsschild, das auf der Grundfläche steht, mit rotem Rand auf
weißem Grund. Auf den Schildern ist ein Eisbär abgebildet (allerdings in Schwarz). Darunter steht
auf einem Zusatzschild "Gjelder hele Svalbard", was soviel heißt wie "Gilt auf ganz Spitzbergen".
Als wir dieses Schild zum ersten Mal gesehen haben, haben wir uns kaputtgelacht, doch die
Schilder haben ihre Berechtigung. Wer den Ortsrand verläßt, sollte auf jeden Fall ein geladenes,
großkalibriges Gewehr und genügend Munition mitführen. Eisbären stehen zwar unter strengem
Naturschutz, sind aber für Menschen wirklich gefährlich. Angeblich kommen fast jedes Jahr ein
paar Menschen beim Kontakt mit den Tieren zu Tode, allerdings wohl meist durch Leichtsinn.
Ausgewachsene Eisbären können, wenn sie sich aufrichten, 2,50 bis 2,80 m groß werden und bis zu
600 kg wiegen. Sie beißen ihre Opfer nicht tot, sondern erschlagen sie. Robben ziehen sie mit ihren
scharfen Krallen aufs Eis und versetzen ihnen dann den tödlichen Schlag. Von den Opfern (auch
Menschen) soll wohl kaum etwas übrig bleiben, das in irgendeiner Weise bestattungsfähig wäre, da
Eisbären sehr scharfe Zähne haben. Man darf den "König der Arktis" (so wird er stolz genannt) nur
dann erschießen, wenn er sich auf weniger als dreißig Meter nähert. Zuvor sollen Warnschüsse in
die Luft abgegeben werden, die angeblich häufig ausreichen, um die Tiere zu vertreiben. Eisbären
sind übrigens Einzelgänger, mit Ausnahme säugender Bärinnen. Jeder tödliche Schuß auf einen
Eisbären wird von den norwegischen und auch den anderen nordskandinavischen Polizei- und
Jagdbehörden akribisch untersucht. Wenn sich herausstellt, daß jemand leichtfertig ein solches,
unter Naturschutz stehendes Tier erschossen hat, werden hohe Geld- und sogar Haftstrafen
verhängt. Es darf auch nicht jeder auf Spitzbergen eine Waffe mit sich führen, man muß schon
einen Waffenschein besitzen. Auf der anderen Seite bekommen Zeitarbeiter oder Studenten, d.h.
allgemein Leute, die sich längere Zeit dort aufhalten, leichter einen Waffenschein als anderswo in
Skandinavien und in anderen Teilen Europas, weil es auf Spitzbergen lebensnotwendig werden
kann. Touristen dürfen nur dann Waffen einführen, wenn sie in ihrem Heimatland einen
Waffenschein besitzen. Die Einfuhrbestimmungen sind für ausländische Waffenbesitzer jedoch
weniger streng als in anderen Teilen der Welt. Kurz und gut: Silke und/oder ihre Freunde hatten
immer eine Waffe dabei.- Wegen der Eisbärengefahr sieht man in Longyearbyen mehr Gewehre auf
einem Fleck als anderswo, ich persönlich habe noch nie so viele Schußwaffen auf einem Haufen
gesehen. Im Ort selbst ist das Tragen von geladenen Waffen aller Art streng verboten. Wer vorhat,
Ausflüge in die Umgebung zu unternehmen, kauft aber häufig vorher Proviant in der Svalbard-
Butikken oder dem Lompen Senteret, den beiden Einkaufszentren, oder geht unmittelbar nach
einem Ausflug in die Kneipe. Damit diese Menschen nicht noch einmal nach Hause fahren und die
Waffe holen oder abgeben müssen, gibt es im Garderobenbereich aller mehr oder weniger
öffentlichen Bereiche neben Schuhgestellen und Mantelhaken riesige Gewehrständer. Daneben
hängen Hinweisschilder in norwegisch und englisch, die darauf hinweisen, daß die Munition vor
dem Abstellen des Gewehrs zu entnehmen und in das Gebäude mitzunehmen ist, damit niemand
einfach so mit fremden oder eigenen Waffen herumballern kann.
Eine weitere Besonderheit Spitzbergens ist die Alkoholgesetzgebung. Anfang dieses Jahrhunderts
kam der puritanische Prediger John Longyear nach Svalbard, um sich der Seelen der Bergarbeiter
anzunehmen. Er war Amerikaner und hatte lange auf dem norwegischen Festland gelebt. Nach ihm
ist übrigens Longyearbyen benannt. Dieser Puritaner war ein eifriger Verfechter der Prohibition und
setzte eine strenge Rationierung der Abgabe von Alkohol an die Bevölkerung durch. Heute sind die
Alkoholbestimmungen nicht mehr ganz so rigide wie zu Longyears Zeiten, eine gewisse
Rationierung besteht jedoch immer noch. In Kneipen und Restaurants kann jeder unkontrolliert
soviel Bier und Schnaps trinken, wie er will. Da beides sehr teuer ist, kann sich niemand ständige
Besäufnisse leisten. Wer Bier oder Spirituosen für zu Hause kaufen will, muß aber im Laden eine
spezielle Lebensmittelkarte vorlegen. Jeder, der länger als ein paar Wochen auf Spitzbergen bleibt,
bekommt auf Antrag vom Sysselmann eine solche Berechtigungskarte für den Erwerb alkolischer
Getränke ausgestellt. Wieviel Bier oder Schnaps man kaufen darf, hängt von der Dauer des
Aufenthaltes ab. Die Aufenthaltsdauer wird kontrolliert; der Arbeitsvertrag muß vorgelegt werden.
Die zugestandene Alkoholmenge wird in Monatsrationen aufgeteilt. Wer will, kann z.B. in den
Monaten vor Weihnachten regelmäßig seine Alkoholration kaufen und bis Weihnachten zu Hause
bunkern. Schon an Weihnachten seine Rationen bis Ostern im voraus zu kaufen, ist allerdings nicht
möglich. Bei jedem Kauf muß die Lebensmittelkarte vorgelegt werden, und die gerade gekaufte
Menge wird eingetragen. Touristen müssen ihr Flugticket vorlegen, dann wird ausgerechnet,
wieviel Alkohol bei welcher Aufenthaltsdauer gekauft werden darf. Anschließend bekommt auch
der Tourist eine "Lebensmittelkarte". Wir wollten es zuerst nicht glauben, haben aber Silkes
Lebensmittelkarte mit diversen Eintragungen gesehen. Die Prohibition gilt übrigens nicht für Wein,
denn zu John Longyears Zeiten wurde noch kein Wein nach Svalbard eingeführt.
Ganz anderes Thema: Mit dem Wetter hatten wir unverschämtes Glück. Noch drei Tage vor unserer
Ankunft war es so stürmisch, daß Flugzeuge von Tromsö wieder umkehren mußten. Während
unserer ersten zwei Tage dort gab es noch Schneestürme, was vergleichsweise bitter ist, wenn man
gerade aus dem 40°C wärmeren Mitteleuropa kommt. Danach hatten wir aber eine Woche lang ein
ganz stabiles Hochdruckgebiet mit strahlendem Sonnenschein und nur wenig Wind. Abgesehen
davon, daß man sich an die Kälte gewöhnt, waren -20°C bei Windstille sehr gut auszuhalten.
Longyearbyen ist ringsum von steilen Bergen umgeben (mit Ausnahme des Fjordbereiches im
Norden des Ortes) und damit relativ windgeschützt. Solange wir nur im Ort unterwegs waren, sind
wir nach ein paar Tagen der Eingewöhnung sogar ohne Stepphosen über den Jeans herumgelaufen,
haben die Kapuzen abgesetzt und stellenweise sogar die Anoraks geöffnet. Wie gesagt,
Wüstenklima ist ganz anders. Gegen Ende des Aufenthaltes wurde es wieder windiger, wodurch wir
bei unserer zweiten Skootertour Effektivtemperaturen von -37°C hatten. An unserem letzten Tag
hat es sogar heftig geschneit. Das war nach Aussagen der Einheimischen außergewöhnlich, da es
auf Spitzbergen sehr selten Niederschläge gibt. Eiskratzen war trotzdem nicht nötig. Der Schnee ist
so trocken, daß er nicht auf den Autos haftet. Selbst auf Windschutzscheiben und Autoreifen
hängen nur minimalste Schneespuren.
An unserem letzten Tag haben wir uns noch das Svalbard Museum und die Kunstgalerie angesehen.
Im Museum war einiges zur Entstehung und Geschichte Svalbards ausgestellt. Während einiger
Erdzeitalter lag die Insel in Äquatornähe. Damals wuchsen auf Svalbard viele Bäume, die später zu
Steinkohle wurden. Infolge der Kontinentaldrift wanderte die Inselgruppe langsam bis in die Nähe
des Nordpols.- Außerdem sind ausgestopfte arktische Tiere, Dinge aus dem Bereich des Bergbaus
und einige Trapperhütten ausgestellt. Die Trapper haben ab Mitte des letzten Jahrhunderts als
Nomaden auf Spitzbergen gelebt und von der Jagd auf Eisbären und Robben gelebt. Es waren keine
Inuit!- Beim Anblick der winzigen Hütten, die oft nur eine Fläche von 2 x 2 m hatten und ca. 1,50
m hoch waren, wurde uns ganz anders. Damals gab es noch keine modernen Dämmaterialien für
Behausungen und weder Goretex noch Neopren. Mich fröstelt noch heute beim Gedanken an solche
Lebensverhältnisse.
In der Galerie war gerade eine Fotoausstellung zu sehen. Es waren verständlicherweise Bilder aus
Spitzbergen. Unter anderem haben einige Künstler Polarlichter fotografiert, die nur während der
Polarnacht auftreten. Es muß total faszinierend sein, diese roten und grünen Lichter am dunklen
Himmel zu sehen. Ansonsten gab es auch viele Bilder von Sonnenauf- und untergängen zu Beginn
bzw. Ende der Polarnacht. Auch hier gilt wieder, daß arktische Farben ganz anders sind.
Auch der exotischste Urlaub hat einmal ein Ende, und am Montag, 19. April, haben wir
Longyearbyen um 4.30 Uhr wieder in Richtung Süden verlassen. Wir waren so aufgedreht, daß wir
zunächst nicht schlafen konnten. Erst gegen 2.00 Uhr wurden wir müde, hatten aber Angst zu
verschlafen, da der Bus zum Flughafen um 3.00 Uhr fahren sollte.
Der Flughafenbus kam pünktlich. Da unser Hotel am weitesten vom Flughafen entfernt war,
wurden wir zuerst abgeholt. Der Bus brachte auf dem Weg vom Flughafen neu angekommene
Gäste zu ihren Hotels und nahm auf dem Rückweg abreisewillige mit. An unserem Hotel sollten
neu angekommene Franzosen aussteigen. Sie begannen aber erst ein endloses Palaver mit den
abreisewilligen Franzosen, bis der Busfahrer letztere zum Einsteigen drängte. Am letzten Hotel vor
dem Flughafen, dem noblen "Polarstern Hotell", war zunächst wenig zu sehen. Dann stürmten
aufgescheuchte Italiener aufgeregt aus allen Ecken. Es waren die acht Mitglieder der italienischen
Sportlergruppe. Der Leiter rannte auf den Busfahrer zu und erklärte in gebrochenem Englisch, die
Gruppe hätte den Bus erst fünfzehn Minuten später erwartet. Der Busfahrer drängte unerbittlich
zum Aufbruch. Die Italiener liefen daraufhin wie aufgescheuchte Ameisen hin und her. Manche
hatten noch nicht fertig gepackt oder waren noch nicht ganz angezogen, einer hatte sogar vergessen,
die Hotelrechnung am Vorabend zu bezahlen. Die halb Angezogenen haben sich jedenfalls warm
gerannt. Der Busfahrer war ein stoischer, schweigsamer Nordskandinavier. Er klopfte nur ab und zu
demonstrativ auf seine Uhr und zeigte Richtung Flughafen. Der italienische Gruppenleiter erging
sich in immer heftigeren Erklärungen und konnte vor Aufregung fast kein Englisch mehr. Als ein
relativ junger Italiener ganz gemächlich über den Hof des Hotels schlenderte und keine Anstalten
machte, sich zu beeilen, platzte dem Busfahrer der Kragen. Er sagte nur noch: "Either you enter the
bus right now, or I'll go without you. You want to get the aircraft, not me!" Nun konnte der
italienische Gruppenleiter vor Panik überhaupt kein Englisch mehr. Er schrie dem Busfahrer in
höchster Not zu: "Madre de dio! Aspetti sol' un piccolo momento, per favore! Che cosa dobbiamo
fare! Vorremmo volare a casa!" Seine Leute feuerte er mit "Avanti, avanti"-Rufen an. Der
Busfahrer sagte nichts, setzte sich hinters Lenkrad und ließ den Motor an. Dann gab er Vollgas und
fuhr davon. Wir Passagiere im Bus waren völlig verdattert. Die Gesichter der zurückgelassenen
Italiener werde ich wohl mein Lebtag nicht vergessen. Allerdings konnte ich mir nicht verkneifen,
sehr leise und nur für meine Mutter hörbar zu singen: "Acht kleine Italiener, die träum-ten von Na-
po-li..."
Am Flughafen dann ein ereignisloser Check-in, eine letzte Tasse Kaffee im Flughafenrestaurant,
Warten auf das Boarding. Schließlich war die Maschine der Scandinavian startklar und sollte zur
Startbahn rollen. Plötzlich ging die Tür auf. Herein kamen acht kleine Italiener mit hochroten
Köpfen. Nach dem Start warteten alle Passagiere aufs Frühstück und schliefen danach ein. Alle
waren übermüdet wegen der frühen Startzeit, und es hingen dichte Wolken über dem Eismeer, so
daß man sowieso nichts sehen konnte. Nur die acht Italiener waren hellwach bis nach Oslo.
Wieder zu Hause, habe ich gegen halb neun wie gebannt am Fenster gesessen und beobachtet, wie
es dunkel wurde. Dunkelheit hatte ich ja seit elf Tagen nicht mehr erlebt. Mit Einbruch der
Dunkelheit wurde ich schlagartig todmüde. In den ersten Tagen nach meiner Rückkehr hatte ich
einen regelrechten Jetlag, obwohl Spitzbergen in derselben Zeitzone liegt wie Mitteleuropa. Erst
nach einer Woche war das gewohnte Zeitgefühl wieder da. An den ersten Abenden habe ich
regelmäßig fasziniert den Einbruch der Dämmerung beobachtet und wurde jedesmal ganz plötzlich
schläfrig. Außerdem fiel mir erst nach meiner Rückkehr auf, wieviele Grüntöne es in der Natur gibt.
Auf Spitzbergen selbst hat mir durch die Abwesenheit von Grünpflanzen nicht direkt etwas gefehlt,
ich habe nur registriert, daß sie nicht da waren. Zu Hause habe ich aber einen richtigen "Grünblick"
entwickelt. Außerdem fiel mir erst nach meiner Rückkehr auf, wie geruchsarm Spitzbergen ist.
Meine Erkältung war nämlich nur an wenigen Tagen so stark, daß ich nichts riechen konnte,
außerdem haben andere Touristen meine Eindrücke bestätigt. Natürlich kann man auf Spitzbergen
riechen, doch man muß viel näher an etwas Riechendes herankommen, um es wahrzunehmen. Liegt
bestimmt auch am Wüstenklima. Selbst Essensgeruch von Restaurants konnte man erst viel später
bemerken als bei uns, und es roch meiner Meinung nach auch nicht so intensiv. Der
Geschmackssinn war aber nicht beeinträchtigt. Auf Spitzbergen selbst habe ich die Geruchsarmut
und das Fehlen von Grüntönen nicht als Mangel empfunden; mir fiel der krasse Unterschied zum
Gewohnten vielmehr erst zu Hause nach meiner Rückkehr auf.
Hoffentlich entsteht nach dem Lesen des Berichts nicht der Eindruck, auf Svalbard sei alles sehr
schwierig oder es hätte mir dort nicht gefallen. Sicher, meine Erkältung war gerade im dortigen
Klima ziemlich lästig, aber nicht unerträglich. Vieles, was ich hier beschrieben habe, läuft für mich
unter dem Kapitel "alles ganz anders als gewohnt". Anders, jedoch nicht schlechter. Ich habe
wunderbare Eindrücke gewonnen, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde, eine extreme und
sehr schöne Natur, freundliche Norweger... Vor allem hatten wir eine Menge Spaß am Nordende
der Welt.
© Kerstin Lischka 1999