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Die Kunst ist Mensch geworden - Giottos Arenakapelle in Padua



Die Kunst ist Mensch geworden - Giottos Arenakapelle in Padua

Von reuigen Sündern aus früheren Zeiten profitieren heutige Kulturtouristen ungemein. So auch in Padua, wo sich die gleichermaßen reiche wie skrupelose Familie Scrovegni den Himmel mit dem Bau der Arenakapelle erkaufen wollte. Wenn wir auch heute nicht wissen, ob der Deal mit dem Lieben Gott für die Paduenser Kaufmannsfamilie ein Geschäft war, so ist die nur 30 Meter lange Kirche mit ihren Giotto-Fresken zweifelsfrei ein wahres Geschenk an die Menschheit. Ebenso ist das Gotteshaus, das sich außen nur mit einer schlichten Ziegelfassade präsentiert, ein unverzichtbares Reiseziel für jeden Bildungsbürger.

Padua ist mehrfach vom Himmel gesegnet. Es beherbert in seinen Mauern "il Santo". Das es sich dabei um den Franziskanermönch Antonius handelt, braucht keiner auszusprechen. Er ist für die Italiener der Heilige an und für sich. Seine Grabeskirche trägt seit Jahrhunderten zum Reichtum der Stadt bei, weil sie Millionen von Pilgern an das Grab des wundertätigen Heiligen und einstigen Weggefährten des hl. Franz von Assisi zieht. Schließlich weiß jeder, der einmal nach einem verlorenen Gegenstand gesucht hat, wie hilfreich dabei ein Stoßgebet zum hl. Antonius sein kann.

Ein Magnet ist auch die Arenakapelle, allerdings heute fast ausschließlich für Touristen. Grund ist hier eher ein irdisches Wunder, wenn es sich auch in der Form von biblischen Geschichten zeigt. Das Malergenie Giotto di Bondone ließ nach 1305 die Lebensgeschichte Jesu auf den Innenwänden der Kapelle Gegenwart werden. Wer den sakralen Raum betritt fühlt sofort: Hier ist die Kunst Mensch geworden.

Giottos Ruhm ist groß als Maler und Baumeister. Seine Wirkungsgeschichte vergleichbar der seines 200 Jahre jüngeren Kollegen Raffael aus Urbino. Giotto wurde nach 1266 in Colle di Vespignano bei Florenz geboren. Er stammte aus einer Familie mit bescheidenem Landbesitz und hatte das Glück, ein Schüler des bedeutensten Künstlers seiner Zeit, Cimabue, zu werden. Dessen berühmtes Kruzifix ist nach aufwändigen Restaurierungsarbeiten seit Ostern 2001 wieder in der Florentiner Kirche Santa Maria Novella zu bewundern. Die Kunstgeschichte sieht gerne in Cimabue den Vollender der statisch-transzendenten byzantinischen Kunst, während Giotto gleichsam die Hebamme der Renaissance war. Entsprechend rühmte sich Florenz, deren Geburtsort zu sein. Allerdings nicht mehr unbestritten.

Seit der Renovierung der "Sancta Sanctorum" führt auch in diesem Fall ein wichtiger Weg nach Rom. Die ehemalige Papstkapelle im Lateran, bei frommen Pilgern durch die Heilige Treppe bekannt, gilt seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als erstes Zeugnis der perspektivischen Kunst. Insbesondere der dort abgebildete Papst Nikolaus ist nach Ansicht von Prof. Arnold Nesselrath, vatikanischer Museumsdirektor, ein unstrittiger Beleg dafür, dass die menschennahe Darstellung von römischen, wenn auch namenlosen Malern entwickelt wurde. Da sich nun Giotto vor 1300 in der Ewigen Stadt aufhielt, wäre es unglaubhaft anzunehmen, dass er die Kunst eines der wichtigsten sakralen Bauwerke nicht studiert hätte. Hingegen diese Anregung in solch genialer Weise in der Arenakapelle umgesetzt und weiterentwickelt zu haben, bleibt sein Verdienst. Da zudem wenige Jahre nach Giottos Romaufenthalt die Päpste ihren Sitz für rund 70 Jahre nach Avignon verlegten, zog es auch keinen bedeutenden Künstler mehr an den Tiber, um die Anregungen der "Sancta Sanctorum" aufzunehmen.

Wegen des großen Interesses ist eine ruhige Besichtigung der Fresken in der Arenakapelle, die auf italiensich übrigens cappella degli Scrovegni heißt, nur eingeschränkt möglich. Daher empfiehlt sich ein gute Vorbereitung und die Konzentration auf einzelne Darstellungen. Als Höhepunkt der Jesus-Geschichte ist die Grablegung anzusehen: Maria nimmt ihren toten Sohn zärtlich in die Arme und mit einem Blick des Leidens, wie es in der christlichen Kunst bis zu diesem Zeitpunkt nicht zum Ausdruck gebracht wurde. Von großer Zuneigung zeugt auch der Kuss von Joachim und Anna, der Eltern Marias, an der Goldenen Pforte Jerusalems. Das Gegenstück ist der Judaskuss, der stille, vom bevorstehenden Tod wissende Schmerz Jesu und die dunkle Niedertracht des Verräters. Die Anbetung der Heiligen Drei Könige veranschaulicht als Kontrast die Pracht der Herrlichkeit Gottes auf Erden. Das Bild zeigt wohl erstmals auf einem Gemälde im Abendland zwei Kamele. Dieser Hinweis sei eine Empfehlung, auch auf Randszenen und Dekor der Fresken zu achten, die Einblicke in das Leben der anbrechenden Renaissance geben.

Quelle: pairola-media (Robert Himmrich)




 
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Info Reisebericht
Reiseland: Italien
Datum der Reise: 2004
Dauer der Reise:
Autor: pairola
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