ALASKA-FEUERLAND
Mit dem Motorrad durch den amerikanischen Kontinent,
ein Reisebericht von Christian Frei
Reisebericht
Es ist sicherlich ein recht merkwürdiger Anblick für die mich umgebenen Leute, als ich einen nur mit einem Lappen zugestopften Benzinkanister in der einen Hand und den Helm in der Anderen den Autobus vor Vancouvers Jugendherberge in Richtung Flughafen besteige.
Erst gestern setzte ich das erste mal in meinem Leben den Fuss auf den amerikanischen Kontinent. Fünfhundert Jahre nach Kolumbus habe auch ich mir ein Abenteuer vorgenommen. Ein lang ersehnter Traum soll war werden. Mit meiner XT600 TÉNÉRÉ, die bereits 25000km in Europa abgespult hat, wird es zunächst nach Alaska gehen und danach soweit nach Süden wie ich nur kommen kann. Sechs Monate will ich mindesten "on the road" sein und bis Mexico soll es auf alle Fälle gehen. Das ich dann aber wirklich nach neunzehn Monaten in Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt einrollen werde, habe ich am Flughafen von Vancouver kaum zu glauben gewagt.
Die unproblematischen Zollformalitäten sind schnell erledigt, und in einer weiteren halben Stunde ist die XT aus dem Holzverschlag befreit und zusammengebaut. Noch drei weitere tage bleiben wir in Vancouver, stöbern die Motorradläden nach einer Gebrauchten für meinen Reisepartner durch und geniessen das Flair dieser beeindruckenden Stadt. Doch dann geht es endlich los, die Strasse erklimmt bereits nach 150km den ersten Pass in die Rocky`s.
War es in Vancouver noch angenehm warm, so friere ich jetzt bei Schneetreiben im T-shirt unter der Endurojacke, deren Thermofutter gut verpackt irgendwo im Alukoffer versteckt ist. Noch am gleichen Tag überqueren wir die Grenze in die USA und quartieren uns in einem Motel am Rande einer Kleinstadt ein.. nach einer ausgibigen warmen Dusche, stürzen wir in nächste Fastfoodrestaurant und geniessen die auch bei uns bekannte amerikanische Esskultur. Im staatlichen Schnapsladen gleich um die Ecke sieht man uns den Europäer an der Nasenspitze an, denn an der Kasse werden wir trotz unserer Wahl eines amerikanischen Whiskys mit "welcome to America" begrüsst. So wird unser erster Abend in den USA dann auch entsprechend gefeiert und am nächsten Morgen lernen wir mit unseren Brummschädeln die endlosen schnurgeraden highways zu schätzen.
Wir sind auf dem Weg nach Wyoming, dort lockt uns der älteste Nationalpark Amerikas, eine Woche lang begeistern uns dort seine Naturwunder und Tierwelt. Vor den Bären, die auch regelmässig die Campingplätze heimsuchen wird unser Proviant in eigens dafür angelegte Boxen verschlossen und eine Herde Bisons verursacht unseren bisher einzigen Verkehrsstau. Bis zu dreissig Meter hohe Geysire und unzählige Wasserfälle halten uns in ihrem Bann, bevor es für die nächsten Wochen in Richtung Norden geht.
In Kanada geraten wir in eine Schlechtwetterfront und noch dazu bleibt die XT alle 11km stehen. Als ich am Spannriemen im schlepp 60km über Stock und Stein zurücklege, kommt es zur ersten Begegnung mit Meister Petz, der sich jedoch mindesten genauso erschreckt wie wir und blitzartig die Flucht ergreift. Als sich die Benzinpumpe als Übeltäter des unfreiwilligen "stop and go" herausstellt und einfach ausgebaut wird, bleibt am nächsten Tag die Honda meines Reisegefährten liegen und springt nie wieder an. Nach drei Tagen genervter Fehlersuche wird sie einfach im Nächsten bikeshop gegen ein anderes Modell getauscht und schlagartig kehrt auch der Sonnenschein zurück.
Der Alaska-Kanada-Hihgway erwartet uns, doch für ein Abenteuer sind wir wohl zwanzig Jahre zu spät. Gut asphaltiert bringt Er uns über 1400km nach Whitehorse , von wo wir auf den Klondike-Highway nach Dawson City wechseln. Hier schwanken wir zwischem erhaltenem Flair vergangener Tage und Mitleid mit einem ausgebeuteten Fluss namens Klondike. Wir verlassen die alte Goldgräberstadt und reisem auf dem noch nicht asphaltirten Top of the world-highway in den nördlichsten Bundestaat der USA, mit dem für soviele magischen Namen Alaska ein.
In Anchorage, der 250 000 Einwohner-Metropole wird uns eines der Probleme Alaskas vor Augen geführt, deren Ureinwohner können den Verlockungen der Grossstadt nicht wiederstehen, und so heisst es offiziel, dass jeder neunte Einwohner dieses Bundesstaates ein Alkoholproblem hat. Fern ab der Zivilisation erfülle ich mir einen Traum und fahre alleine eine unbefestigte Stichstrasse in die von Gletschern gesäumte Bergwelt der Wrangell-Mountains. Kein Gegenverkehr auf 80km und hinter mir nur eine Staubfahne lassen Ruhe und Einsamkeit erwarten. Schwerer Schotter schlägt gegen den Motorschutz und vor jeder Bachdurchquerung heisst es, die günstigste Furt ausfindig zu machen, denn eine schwere Verletzung oder ein grösserer Schaden am Motorrad hätte tagelanges Warten auf Hilfe oder einen langen Fussweg zur Folge. An einem See schlage ich mein Camp auf, lediglich ein Seeadler leistet mir hier Gesellschaft. Einige Tage durchstreife ich den Busch zu Fuss, bevor ich mich zurück aufs Asphaltband begebe. In Skagway, wo 1897 zehntausende goldgierige Abenteurer aus aller Welt ankamen und über den White-Pass in Richtung Yukon strömten, starte ich zu einer dreitägigen Fährfahrt, auf der ich begleitet von Walen und Delphinen gut erholt auf Vancouver Island ankomme. Bereits am ersten Tag lerne ich Malcom kennen, einen Kanadier schottischer Abstammung der sich spontan eine Woche Zeit nimmt und mir seine Insel zeigt. Nach einer Woche verlasse ich seine freundliche Heimat und mache erneut Station in Vancouver.
Mit neuem Kettensatz geht es weiter nach Süden. In Californien rausche ich durch die Kurven des berühmten Highway No.1 immer am Pazifik entlang und erreiche Tage später San Francisco, sicherlich ein der verücktesten Städte Amerikas. Durch Death-Valley und Las Vegas rollen wir in den "Wilden Westen". Zwei Monale lang durchstreife ich mit zwei schweizer Stollenfans die Jeep-Trails, Gravelroads und Nationalparks von Utah und Arizona. Wir gewöhnen uns an den überall hinkriechenden roten, grauen und ockerfarbenen Staub, kommen nur alle paar Tage mal zu einer Dusche, sitzen wir doch dafür allabendlich im Rund des flackernden Lagerfeuers bei Bohnen mit Speck und erzählen vom Gesehenen und Erlebten des vergehenden Tages, bevor wir unter dem Sternenzelt in unsere Schlafsäcke kriechen.
Um so genervter reagiere ich mehr und mehr auf die Fastfood-Kultur und bin froh, das mich die Kälte des nahenden Winters zur Einreise nach Mexico drängt. Zunächst geht es auf die Wüstenhalbinsel Baja California, ausser Badespass und Erholung an den scheinbar endlosen Sandstränden, treffe ich das Werksteam "Team-Green" von Kawasaki, welches in ein paar Tagen an der hier alljährlich stattfindenden Wüstenralley Baja1000 teilnehmen will. Trotz meines Konkurrenz-Wüstenschiffes werde ich spontan in ihr Camp eingeladen und so bietet sich mir die Möglichkeit Profis bei Ralleystress hautnah mitzuerleben.
Mit der Fähre setze ich nach Mazatlan auf`s mexikanische Festland über und geniesse immer mehr die lateinamerikanische Lebensart. Besonders angetan bin ich von den keinen Fischerdörfern am Pazifik, in denen ich bei Fisch, Tacos, Tequila und mexikanischem Bier Weihnachten und Sylvester verbringe. Gegen meine ursprüngliche Absicht, Acapulco nicht sehen zu wollen, fahre ich dann doch hin und ärgere mich dann ordentlich Geld, Benzin und Zeit für dieses Grauen von Pauschaltouristenstadt investiert zu haben. Eine ganz andere Welt ist da die Ruta-Maya, die mich auf dem Weg zur Yukatenhalbinsel mit ihren einzigartigen Mayaruinen total fasziniert. Noch mehr begeistert mich allerdings der erste Blick auf das blau-grüne Wasser der Karibik und weckt in mir die Frage, wie lange ich hier wohl hängen bleiben werde. Es ist dann auch schon Ende Januar als ich in meinem Tagebuch zurück blättere und überrascht feststelle, das meine dreimonatige Aufenthaltsgenehmigung in wenigen Tagen ablaufen wird. Ich nehme Abschied von einer schweizer Rucksacktouristin, die mir sieben Wochen eine treue Sozia war und reise wieder alleine nach Belize weiter.
Zum ersten mal lerne ich die langwierige und schwierige Prozedur der Grenzübertritte in Central-Amerika kennen. Eine vielzahl von Formularen und Stempeln sind bei bis zu acht verschiedenen Schaltern zu besorgen und die Reihenfolge ist mir immer wieder ein Rätsel. Genervt und um 40U$ Schmiergeld erleichtert, reise ich dann doch glücklich ein. Als ich jedoch trotz Vorwarnung in Belize-City von ein paar finsteren Gestalten umlagert und um einige Belize-Dollar erleichtert werde, beschliesse ich spontan die mir gefährlich und hässlich vorkommende Stadt zu verlassen und verweile dann noch ein paar Tage in einem Grenzort vor Guatemala, in der Soldaten der britischen Schutztruppe ihr alkoholisches Wochenende verbringen. Über drittklassige Schotterpisten geht es zu den Mayaruinen von Tikal im Norden Guatemalas. Bereits am Abend der Ankunft klettere ich auf die höchste Pyramide auf der erst zu einem Bruchteil ausgegrabenen Stadt mitten im Dschungel. Gleich am nächsten Morgen zum Sonnenaufgang sitze ich wieder dort und erlebe das morgendliche Affengebrüll und Vogelkonzert, welches zu einem unvergesslichen Eindruck wird. Stundenlang noch durchstreife ich diese mystische Welt längst vergangener Epochen. Die einzige Verbindungsstrasse nach Süden führt durch das Guerillagebiet El Peten, und auf den über 300km Schotter kommt es immer wieder zu Militärkontrollen. Ich habe ein mulmiges Gefühl, wenn die manchmal erst vierzehnjährigen im "Rambolook" mir ein Schnellfeuergewehr unter die Nase halten und die von mir dann vorgezeigten Papiere kaum lesen können. Doch nach einigen Prozeduren kenne ich das Spielchen und als ich freundlich nach ihrem Befinden frage, entwickelt sich eine Unterhaltung über Höchstgeschwindigkeit und Leistung meines Moto`s, wie es im spanischen heisst. In Antigua, der immer wieder durch Erdbeben zerstörten ehemaligen Hauptstadt Guatemalas besuche ich für zwei Wochen eine Sprachschule und wohne dort bei einer guamaltekischen Familie, eine ideale Sache um Sprache, Land und Leute besser kennen zu lernen. Anschliessend besuche ich noch einige Indiomärkte, ihre Farbenprächtigkeit begeistert immer wieder aufs Neue und der Auslöser der Kamera kommt kaum zur Ruhe. An der Grenze zu Honduras heuere ich einen Grenzhelfer an, und hoffe das die Formalitäten dank seiner Hilfe besser und schneller abgewickelt werden, trotzdem habe ich ein komisches Gefühl, als der Knirps mit meinem Pass in einer Menschentraube verschwindet und mich alleine am Motorrad zurücklässt. Doch schon nach dreissig Minuten ist alles erledigt und mit 3U$ Trinkgeld ist Er genauso zufrieden wie ich.
Zum ersten März bin ich mit zwei Enduristen auf einer kleinen Karibikinsel vor Honduras verabredet und nachdem ich die XT sicher untergestellt habe, fliege ich für sechzehn Dollar nach Utila. Der Mechaniker, welcher für den angeblich kranken aber wohl eher betrunkenen Piloten einspringt setzt sicher auf der kurzen Sandpiste auf. Trotz der Flugzeugwracks am Rande der Piste versichert Er uns, das noch jeder eine der bisherigen Bruchlandungen überlebt hat und somit fliegen sicherer sei, denn lediglich die Fähre wäre einmal mit Mann und Maus untergegangen. Tatsächlich stöbere ich in einer Bar meine Freunde auf und so wechseln wir für eine Zeit die Motorradkluft gegen eine Tauchausrüstung.
Zusammen geht es weiter nach Nicaragua, doch an der Grenze streiken die Zöllner und nach einigen Stunden Wartens wird es Jose, ein Tequila-Importeur und Leidensgenosse zuviel und wir laden den Inspector der Fahrzeugkontrolle zu zwei Flaschen mexikanischen Zauberwassers ein. Es wirkt, und als Amigos die wir plötzlich sind bekommen wir ein Transitvisa für 72Std. und reisen nicht mehr ganz nüchtern in Nicaragua ein. Das Land macht einen traurigen und armen Eindruck und so sind wir nicht böse, bereits am nächsten Tag in Costa Rica sein zu müssen.
Der Unterschied zu den vorherigen Ländern ist gewaltig, Costa Rica gefäält uns auf Anhieb und wir verstehen, warum es die Schweiz Central-Amerikas genannt wird. Wir lassen unser schweres Gepäck in der Hauptstadt San Jose und fahren zur Nicoya-Peninsula an der pazifischen Seite des kleinen Landes. Offroadspass total ist angesagt, denn hier gibt es noch keinen Asphalt und die Traumstrände sind fast unberührt. So sind Flussdurchfahrten im Inland und fun am strand Vorspiel zu allabendlicher Hängemattenromantik unter Kokospalmen. Zurück in San Jose verabschiede ich mich von meinen Reisegefährten und da ich noch auf eine Geldüberweisung warten muss, fahre ich durch endlose Bananenplantagen, vorbei an erloschenen Vulkanen ein letztes mal zur Karibik.
Die Strasse ist nach dem letzten Erdbeben vom vorherigen jahr noch in schlechtem Zustand, nur die Brücken sind geflickt oder ersetzt. So bin ich froh endlich meine Hängematte am weissen Strand von cahuita aufhängen zu können. Hier treffe ich John, einen Kanadier der seine 450-Chopper trotz Holtkoffer, TV, Propangasflasche, Autobatterie und ähnlichen Verücktheiten heil bis hierher gebracht hat. Als er mich eines morgens aus dem zelt ruft, weil angeblich die schönsten Mädchen der Welt an unserem Strand sind, halte ich auch das für einer seiner Spleens`s, oder für die Folgen der vorabendlichen Flasche Rum. Doch auf mehrmaliges drängen quäle auch ich mich aus dem Zelt und riskiere ein Auge. Tatsächlich stehen die gewählten Schönheitsköniginen von Mexico bis Brasilien zum Phototermin in Bikini und Scherpe samt TV-Team vor unseren Zelten. Wir lassen uns die Möglichkeit nicht nehmen unser gelerntes Spanisch zu praktizieren und prahlen mit unseren moto`s und Geschichten um die Wette.
In Panama-City bin ich zu Gast beim MC-Roadknight, dem Motorradclub der US-Airbase, hier stehe ich mit drei weiteren Fernreisenden vor der Frage, Südamerika "oder was" ? Wir sind uns einig den Sprung zu wagen und da wir keine Lust auf eine wochenlange Schlammschlacht haben, um das fehlende Stück Panamericana im Darian-Gap zu überwinden, entscheiden wir uns für den Flug nach Kolumbien.
Am Tag des Abflugs heisst es dann aber vor dem Frachtbüro am Flughafen, es wäre diesmal kein Platz für die bik´S, wir oder zumindest die bike´s müssten noch eine Woche warten. Natürlich hatten wir bereits die 180U$ bezahlt und selbst für Lateinamerika ging uns diese Behandlung zuweit. Nach lautstarken Diskussionen und telefonaten mit dem Chef der Cargoline heisst es dann nach vier Stunden, wie werden heute mit den moto´s fliegen. Natürlich hat der Zoll bereits Feierabend und so verzichten wir auf die Ausreiseformalitäten und nachdem wir unsere Stahlrösser über Kofferfliessbänder mit viel Schweiss ins notdürftig umgebaute Passagierflugzeug verladen haben, fliegen wir ab nach Bogota.
Auch hier erleben wir wieder einen Höhepunkt lateinamerikanischer Grenz- und Zollformalitäten,drei Tage sind wir mit dem Taxi auf der Jagd nach Formularen, Stempeln und Unterschriften. Die Spannung löst sich erst, als wir die ersten Kilometer im gewohnten Endurosattel zurücklegen. Doch zu früh gefreut, werden wir doch kurz darauf von einer Militärkontrolle gestoppt, die sich allerdings mehr für unsere Drogen und Handgranaten interessiert als für unsere hart erkämpften Papiere. Natürlich setzen wir unsere Reise clean und unbewaffnet fort und knattern der Regenzeit entgegen. Der Aufenthalt in Kolumbien wird zu einer feuchten Angelegenheit, tagelange Regenfälle überfluten Dörfer und Strassen, so manche mehrere hundertmeter lange Wasserpassage gerät zum Nervenkitzel und der Anblick der um Hab und Gut gebrachten Opfer der Überschwemmungen lässt nicht gerade Fröhlichkeit aufkommen. Doch die vielen Kontakte zu den sehr aufgeschlossenen Leuten, lassen mich die Kolumbianer als das freundlichste Volk meiner Reise in Erinnerung behalten.
Bei der Einreise nach Ecuador werde ich mir endgültig darüber im klaren, das ich im fussballverrückten Südamerika bin. Als Gringo aus dem land des Fussballweltmeisters werde ich per Handschlag von jedem wichtigen und noch so unwichtigem Zöllner begrüsst und ohne weitere Formalitäten willkommen geheissen. Nicht nur die gerade stattfindende Fussball-Amerika-Meisterschaft hält mich in Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Auch die mitreissende Fröhlichkeit der Menschen schlägt mich in ihren Bann. Als ich mich schliesslich noch in eine der einheimischen Schönheiten zu verlieben drohe, verlasse ich Quito nach einigen Überlegungen mit gemischten Gefühlen. Nach drei Monaten pause, tut es nun wieder richtig gut im Sattel nach Süden zu ziehen und mit neu geschöpfter Kraft Peru anzusteuern. Nie zuvor hatte ich soviel Angst vor einem Land, wie jetzt vor Peru. Zuviel schlechtes hatte ich über dieses ständig von Krisen aller Art gebeutelte Land gehört. Drei Tage fahre ich auf der Panamericana geradeaus durch die Küstenwüste zur Hauptstadt. Lima wirkt denn auch nicht gerade einladend auf mich und so geht es schon nach zwei Tagen weiter nach Nazca. Wenn auch die berühmten Figuren im Wüstensand von Nazca nur vom Flugzeug aus zu sehen sind, ist es doch ein tolles Gefühl mittendrin zu stehen in einem noch ungelösten Rätsel der Menschheit. Von den ortsansässigen Touristenführern bekomme ich den Tip über einen erst kürzlich von Grabräubern entdeckten Incafriedhof. Anhand ihrer Skizze finde ich den unheimlichen Ort inmitte der Wüste. Ein leichter Schauer überkommt mich, als ich ganz allein zwischen hunderten von Schädeln und zerrissenen Mumien umher irre. Peru hat andere Probleme als alte Knochen zu beschützen, erzählt man mir zurück im Ort.
Das merke ich auch auf der Weiterreise, als ich die 160km Hauptverbindungsstrecke ins Hochland nicht in einem Tag schaffe. Meistens im ersten, manchmal im zweiten Gang krieche ich die Piste die Anden hinauf. Erst nach zwei Stürzen und einem Schild mit der Angabe der Passhöhe werde ich mir meiner Höhenkrankheit bewusst, welche sich mit Schwindelgefühl, Hunger und Konzentrationsschwäche zeigt. Völlig erschöpft gelange ich spätnachmittags an eine Polizeisperre, welche mir die Weiterfahrt in die nun rasch herein brechende Dunkelheit verbietet.
Strassenräuber und Terroristen hätten bereits zu oft in den vergangenen Monaten zugeschlagen und ganze LKW`s verschwinden lassen. So lasse ich mich schnell zur Unterkunft im Dorf überreden. Die einzige noch freie Übernachtungsmöglichkeit bietet weder Strom noch sanitäre Anlagen, dafür ausreichend Ungeziefer, doch auch die können mich nicht vor sofortigem Tiefschlaf zurückhalten. Völlig verdreckt und geschafft erreiche ich Puno am Titicacasee, auf der Suche nach einem Hotel überrascht mich ein Team vom peruanischen Fernsehen. Eigentlich will ich lieber nur duschen und etwas essen, doch erst soll ich ein Interview vor laufender Kamera geben und nicht ohne Stolz erzähle ich dann von meiner weiten Reise. Hier stelle ich das Motorrad in einem Hotel ein und fahre mit dem Zug nach Cuzco, was sich mit anschliessender Wanderung auf dem Incatrail zum Machu Pichu als willkommene Abwechselung zum harten Enduroreisen in Südamerika ergibt. Zurück am höchst gelegenen beschiffbaren See der Welt, setze ich mit einer Fähre nach Bolivien über und erreiche die mit 3800m höchstgelegene Hauptstadt der Welt, La Paz. Auch in Bolivien sind neunzig Prozent aller Strassen nicht asphaltiert und so führt mich mein Weg nach Süden in das nächstes Abenteuer. Meine in La Paz beim Militär erstandene Landkarte erwesst sich eher als Strickmuster, doch aufgrund von Tips und Routenbeschreibung neu gewonnener Freunde wage ich die nicht ungefährliche Fahrt in die Hochwüste Südboliviens.
Mit Proviant für vierzehn Tage, Wasser und Zusatzbenzin durchquere ich zunächst den 10 000qkm grossen Salzsee von Uyuni. Weiter im Süden helfen mir Lamahirten und einsame Militärposten bei der Orientierung. Die Fahrt über den Salzsee scheint meinem ohnehin verschliessenem Lenkkopflager den Rest gegeben zu haben, und so blockiert es nach anfänglichem Knacken völlig. Nach sechs Stunden Plagerei an rund gedrehten Schrauben nähert sich ein Jeep mit hilfsbereiten Minenarbeitern samt gutem Werkzeug und Ausrüstung. So geht es am nächsten Tag weiter, über üble Wellblechpisten und in tiefem Lavasand vorbei an rauchenden Vulkanen und mintgrünen Seen. Die Landschaft erscheint mir wie auf einem anderen Planeten und an der Laguna Colorada, einem blutroten mit hunderten von Flamingos gesäumten See auf über 4000m Höhe lässt sich so manche Strapaze als lohnenswert für dieses Naturschauspiel erscheinen.Später, kurz vor der chilenischen Grenze schmeisst es mich ruckartig aus dem Sattel. Die Kette ist gerissen, korkenzieherhaft verdreht und eingeklemmt zwischen Kettenrad und Schwinge.
Jetzt ist alles aus, geht es mir durch den Kopf. Mit der Kette ist nichts mehr zu machen und so heisst es warten und hoffen das irgendwann ein Fahrzeug sich hierher verirrt. Doch Glück im Unglück, bereits am gleichen Tag sichte ich einen Geländewagen in einigen Hundert Metern Entfernung und kann Ihn auf mich aufmerksam machen. Schnell ist die XT zerlegt und in teilen im Inneren und auf dem Dach verzurrt. Wir fahren zurück zur Laguna, wo ich die traurig aussehende TÉNÉRÉ in einer Lehmhütte unterstelle. Die Helfer sind auf dem Weg nach La Paz und nehmen mich die 1000km mit zurück.
Dort angekommen erstehe ich eine neue Kette und schlage mich mit Bussen und Geländewagen zurück bis zur Laguna. Nach einer Woche erreiche ich die Hütte und kann die Kette montieren, dann wage ich erneut den Weg nach Chile. Endlich ist es geschafft, ich stehe auf ca.5000m Höhe vor einem kleinen Schild BOLIVIA / CHILE. Nur noch 50km bis zur Oase San Pedro de Atacama, den Benzinhahn bereits auf Reserve erreiche ich die chilenische Zollbaracke. Von Abenteuern vorerst genug, rolle ich nach ein paar ruhigen Tagen in der Oase auf frisch gewonnenen Asphalt Antofagasta entgegen. Da macht die XT durch Aussetzer auf sich aufmerksam, ruckend und mit spuckendem Vergaser erreiche ich die eher hässliche Militär und Hafenstadt. Wie so oft, liegen die billigen Hotels im Rotlichtbezirk und so leisten die mir hier wohnenden Toplessgirls der umliegenden Bars beim Vergaser und Luftfilter reinigen gesellschaft. Irgendwie gelingt mir die Einstellung des des Benzin-Luftgemischreglers nicht so ganz, und so kommt bald jede meiner Mitbewohnerinnen in den Genuss einer Probefahrt. Eine Woche dauern meine Einstellarbeiten, bis ich die hilfsbereiten Señoritas verlasse und mich auf nach Santiago mache.
Hier erwartet mich meine Post aus der Heimat und wie jedesmal, ist es ein kleines Weihnachten für mich, wenn ich mit der Hand voller Briefe die Botschaft verlasse und die nächste Sitzgelegenheit ansteuere um die Geschenke begierig aufzureissen und zu verschlingen. In Südchile treffe ich meine Reisegefährten wieder, mit denen ich nach Kolumbien geflogen bin. Zusammen soll es nun nach Feuerland gehen. Durch starke Regenfälle soll die reizvolle neuerschlossene Carretere Austral, welche eine Verlängerung der Panamericana in Chile ist, unpassierbar sein.
So schiffen wir uns nach Süden ein und überqueren zwei Tage später die Anden nach Argentinien. Jetzt liegt nur noch Patagonien vor uns, 2500km gegen den Sturm. Der ewige Sturm macht zelten kaum möglich und die Fahrt ist enorm kräftezehrend. Endlich stehen wir vor der Magellen-Strasse, mit der Fähre setzen wir über nach Feuerland. Glücklich fallen wir uns in die Arme und lassen den seit langen mitgeführten Champagner spritzen. Noch sind es 550km Schotter bis Ushuaia, welches wir nach heftigem Schneetreiben auf dem letzten Pass einen Tag später erreichen.
Weihnachten in Feuerland, es ist wahr geworden. Ich zelte im Nationalpark "Tierra del Fuego" und lasse eine Woche lang die letzten eineinhalb Jahre und 63000km Revue passieren. Noch lange werde ich brauchen, um dieses Abenteuer mit seinen vielen Eindrücken, Erlebnissen und Bekanntschaften zu verarbeiten. Ich verbringe noch drei weitere Monate im eingekehrten südamerikanischem Sommer, bevor es samt XT im Bauch des Düsenfliegers in nur 17 Stunden ins so nahe und doch so ferne Deutschland geht.
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