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Griechenland (Kreta) 1992

Griechenland (Kreta) 1992

Irgend etwas klingelt im Unterbewußtsein. Als ich aufwache merke ich, daß es der Wecker ist, der mich so nervt. Es ist zwei Uhr morgens und richtig, wir wollen in Urlaub fahren. Schnell raus aus den Federn und ins Bad zur Katzenwäsche. Schließlich stehen unsere Maschinen, eine Honda NTV 650 die von meiner Frau Ulli pilotiert wird und eine Honda Transalp, die meine Wenigkeit tragen soll, schon fertig bepackt in der Garage. Im Geiste gehen wir noch einmal die Liste durch damit wir auch nichts vergessen und dann geht es schon los. Wir wollen bis heute abend die ca. 950 km bis Ancona schaffen um von dort aus die Fähre nach Griechenland zu nehmen. Bis Österreich fahren wir auf der Autobahn, dort auf der Landstraße bis nach Italien und dann geht es auf der alten Brennerstraße weiter. Wir liegen gut in der Zeit und beschließen deshalb auf der Landstraße zu bleiben. Ein kleiner Umweg führt uns noch über einige kleine Pässe, wie den Pian dell Fugaze und den Pasubio, allerdings bleiben wir auf der asphaltierten Strecke. In der Po-Ebene bei Montagnana machen wir eine kleine Pause in einem Straßencafé. Nach einem obligatorischen Capuccino für mich und für Ulli als Nachtisch noch eine Zigarette, gehen wir, beobachtet von einer Anzahl älterer Herren im Café, zu unseren Maschinen. Ulli´s Maschine springt sofort an und bei mir? Nichts tut sich, noch nicht einmal die Kontrolleuchten leuchten auf. Schnell den rechten Seitendeckel runter und was muß ich sehen? Die Batterie ist vollkommen trocken. Dabei habe ich sie erst eine Woche vorher überprüft. Selbst wenn ich sie jetzt mit destilliertem Wasser fülle, geht sie wahrscheinlich in Griechenland ganz kaputt. Wir entscheiden uns deshalb dafür noch hier in Italien Ersatz zu beschaffen, da es in Griechenland ungleich schwerer sein wird, eine passende Batterie aufzutreiben. Unter dem Grinsen der Honoratioren schiebt Ulli mich an und wir fahren weiter, um in den größeren Ortschaften nach einer Honda Werkstatt zu suchen. Natürlich kostet die Suche viel Zeit und der Abfahrtstermin der Fähre rückt immer näher. In Bologna werden wir endlich fündig. Allerdings haben die Leute in der Werkstatt die Ruhe weg und führen erst einmal ihre Unterhaltung mit den Nachbarn zuende. Erst als ich etwas barsch sage, daß wir noch unsere Fähre bekommen wollen, wird eine neue Batterie rausgerückt. Durch den kleinen Zwischenfall sind wir nun etwas in Zeitnot geraten. Also rauf auf die Autobahn, die erlaubte Höchstgeschwindigkeit beträgt zwar "nur" 130 km/h aber was solls, 160-170 muß heute auch mal gehen. Als wir im Hafen ankommen, sind schon fast alle Fahrzeuge im Bauch der Fähre verschwunden. Schnell noch die Tickets besorgt und rauf aufs Schiff. Während wir die Treppen bis zum obersten Deck raufsteigen, legt der Kahn auch schon ab. Noch einmal Glück gehabt. Wir haben Deckspassage gebucht und pumpen nun unsere Lumatra auf dem Sonnendeck auf. Dann geht's zum Duschen und auf dem Rückweg gleich an der Bar vorbei und noch zwei Bierchen gebunkert. Das erste ziehe ich auf ex ab, mit dem zweiten in der Hand schlafe ich auf unserem Lager ein. Die Fahrt war wohl anstrengender als ich dachte.

36 Stunden später, etwa um 07:30 Uhr sind wir in Patras. Wir frühstücken direkt in einem Café am Hafen und schauen dem geschäftigen Treiben der Hafenarbeiter und der noch ankommenden Touristen zu. Nach einer Stunde haben wir genug gefaulenzt und die Straße ruft. Zunächst bleiben wir auf der westlichen Küstenstraße des Peleponnes in südlicher Richtung, biegen aber nach einigen Kilometern lockt uns die Karte mit kleinen kurvenreichen Sträßchen nach Osten ins Landesinnere. Wir wollen nach Githion im Süden der großen Halbinsel um von dort aus nach Kreta überzusetzen. Nach einer Stunde Fahrt durch die karge Landschaft wird die Straße immer enger und schlechter, bis wir nur noch Schotter unter den Rädern haben. Meine Freude ist Ulli´s Leid, denn die NTV ist alles andere als geländegängig, besonders mit Gepäck und von zarter Frauenhand gelenkt. Am Anfang glaubt man immer, daß der Straßenzustand schon bald wieder besser wird aber statt dessen wird die Straße - nein die Piste - immer schlechter. Dann irgendwann überlegt man sich wieder umzukehren aber wenn man schon eine gute Strecke geschafft hat kommt wieder der alte Gedanke, daß es ja bestimmt gleich da vorne wieder besser wird und man sich den strapaziösen Rückweg sparen kann. Von Zeit zu Zeit legen wir eine kleine Pause ein, bewundern die ungewohnte Landschaft und genießen die Einsamkeit. Nach einer schier endlosen Fahrt endet die Piste in einem kleinen Dorf. Gerade kommen einige Leute aus der Kirche und halten uns an. Einer von ihnen spricht zwei Brocken deutsch und fragt uns, woher wir kommen und wo wir auf dieser Straße noch hinwollen. Als wir erzählen, daß wir uns eigentlich verfahren haben, lacht die ganze Gesellschaft samt Pope laut auf. Immer wieder bekommen wir zu hören: "Deutsch gutt, Deutsch gutt", und schon macht eine aus dem Nichts gezauberte Flasche Uozo die Runde. Trotz unserer Ablehnung, da wir ja noch fahren müssen, gibt man erst Ruhe, als jeder ein Gläschen intus hat, wohlgemerkt bei ca. 35 °C im Schatten und Ulli ist Antialkoholikerin. Komischerweise verträgt sie das Zeug besser als ich. Nachdem man uns gestenreich den weiteren Weg erklärt hat, stopfen uns diese netten Menschen zum Abschied lauter kleine Papiertüten mit Nüssen, getrockneten Früchten und allerlei sonstigem süßen Zeugs in die Taschen. Dann geht es auf kleinen Teerstraßen weiter gen Süden. Spät am Abend kommen wir auf dem Campingplatz in Githion an, bauen unser Zelt auf und versuchen verzweifelt die durch die Hitze aufgeweichten Tüten und deren klebrigen Inhalt aus unseren Taschen zu entfernen. Was solls, meine Tasche klebt heute noch.

Am nächsten Morgen fahren wir zur nahen Mani-Halbinsel. Wieder tolle kurvenreiche Sträßchen aber diesmal asphaltiert. Die Straße führt immer an der teilweise unzugänglichen Küste entlang und der kühle Seewind vertreibt ein wenig die Gluthitze der unerbittlichen Sonne. Ab und an kommen wir an kleinen Dörfern vorbei mit ihren für die Mani-Halbinsel typischen Wohntürmen, die wie kleine Burganlagen aussehen. Die Türme wurden seit dem 17. Jh. von mächtigen Familien als Fluchtburgen gebaut. Die Manioten sind seit altersher für ihre blutigen Fehden bekannt und haben wegen der Unzugänglichkeit ihrer Region eine ausgeprägte kulturelle Identität und stolzes Selbstbewußtsein entwickelt. Selbst während der jahrhundertelangen Fremdherrschaft durch die Türken war die Mani nie besetzt. In Pirgos Dirou lassen wir uns mit kleinen Booten durch ein Gewirr von Unterwasserhöhlen rudern. In scheinbar endlosen Tunnels kann man eine bizarre Welt aus Stalaktiten und Stalagmiten bewundern. Die Wände werfen ihre warmen Braun- und Gelbtöne auf das spiegelglatte Wasser und die durch verschiedene Durchbrüche eindringenden Sonnenstrahlen lassen die Oberfläche glitzern. Nach der beeindruckenden Bootstour genießen wir in einem Kafenion am Hafen erst einmal Néskafe me Gála métrio (Kaffee mit Milch, mittelsüß), bevor die Rundtour auf zwei Rädern wieder weiter geht. Hier und da halten wir in den Dörfern an, schauen uns die Türme von innen an oder genießen die Aussicht aus deren oberen Stockwerken. Beeindruckt kehren wir dann wieder zu unserem Zelt zurück. Abends sitzen wir mit einigen anderen Leuten, 4 MotorradfahrerInnen und ein Pärchen mit einem VW-Bus, zusammen und lassen uns den griechischen Wein schmecken, außer Ulli natürlich aber dafür qualmt sie. Das Pärchen mit dem Campmobil kommt aus Pforzheim, nur ein Katzensprung von unserer Wahlheimat Karlsruhe entfernt. Spät am Abend stellen wir dann lachend fest, daß Reiner genau wie ich Maschinenbau studiert und zwar im Parallelsemester. Da sitzen wir täglich Hörsaal an Hörsaal in der Vorlesung und müssen uns dann in Griechenland kennenlernen.

Tags darauf wollen wir ein Stück weit in den Norden nach Kalamata fahren. Doch der Weg führt uns zunächst nach Sparta. Wir suchen uns natürlich wieder kleine Sträßchen, wobei ich tunlichst vermeide Ulli wieder auf Schotter zu führen. Vielleicht lernt sie jetzt endlich, daß eine Enduro das wahre Motorrad ist. Die Strecke macht Spaß, es geht immer rechts und links und wieder rechts und . . . "Achtung, eine Ziegenherde steht direkt hinter der Kurve!" Schafe wären jetzt weicher, da ohne Hörner. Doch wir meistern die Situation und versuchen etwas vorsichtiger zu fahren. Heizen kann man hier sowieso nicht, da die Straßen manchmal so rutschig sind, als ob sie mit Schmierseife bestrichen wurden. Wir kommen in eine fruchtbare Ebene, die im Osten durch das Parnon-Massiv und im Westen durch den hohen Taygetos begrenzt wird. Durch Tausende von Orangen- und Olivenbäume fahrend, erreichen wir die Stadtgrenze von Sparta. Die Spartaner sind sicher vielen durch den Geschichtsunterricht oder durch die Sandalenfilme bekannt. Jedoch verbirgt sich hinter ihrem Namen seit ca. 2 Jahrtausenden keine politische Macht mehr. Da sie durch ihre asketischen Tugenden (sie lebten halt spartanisch) keinen Wert auf großartige Gebäude und Städte legten, sind auch kaum antike Ausgrabungen in Sparta zu finden. Dennoch lohnt sich der Besuch des Archäologischen Museums oder die Besichtigung der Akropolis. Weiter im Westen gibt es einen interessanteren Ort, Mistra. In Mistra gibt es eine große Anzahl byzantinischer Kirchen, einige Klöster und auf dem Berg eine Festung. Von hier oben aus hat man einen phantastischen Ausblick auf die lakonische Ebene. Die Wandmalereien in den Kirchen zeugen noch heute von der vergangenen Pracht der wunderschön gelegenen Stadt. Allerdings zieht soviel Schönheit auch eine Menge Touristen an, weshalb wir uns auch schon bald wieder auf auf die profilierten Socken machen. Als wir in Kalamata ankommen wird unsere Stimmung bedrückter. Noch immer sind die Schäden des schweren Erdbebens von 1986 zu sehen. Damals gab es zahlreiche Opfer zu beklagen. Überall sind noch halbverfallene Ruinen und große Haufen mit Schutt der zerstörten Häuser zu finden. Am Stadtrand wurden provisorische Baracken für die Obdachlosen errichtet, in denen die Bedauernswerten noch heute wohnen müssen. An einer Tankstelle treffen wir einen alten Mann, der 12 Jahre lang in Rüsselsheim bei Opel gearbeitet hat. Er gibt der untätigen Regierung die Schuld an dem noch immer andauernden Elend. Wenigstens konnte durch die Arbeit einiger Hilfsorganisationen die größte Not gelindert werden. Und schon stehen auf der Theke des Tankwarts einige Gläser mit Uozo. Der Trinkspruch lautet wieder "Deutsch gutt!" und wir müssen die Rückfahrt zu unserem Zeltplatz sehr vorsichtig antreten, zum einen wird es dunkel, zum anderen vertragen wir bei der Hitze den Uozo nicht so gut.

Heute wird erst gepackt und dann ist relaxen angesagt. Wir fahren nach Githion rein und schauen uns dort ein wenig um. Die Hafenstadt am Lakonischen Golf hat ca. 7.500 Einwohner und schmiegt sich idyllisch in die nahen Berghänge. Wir wandern durch die engen verwinkelten Gassen, kaufen Ansichtskarten, trinken mal hier und mal da einen Nés und schauen dem bunten Treiben auf den Straßen zu. Am Rande der Altstadt liegt eine durch einen Damm mit dem Festland verbundene Insel. Von hier aus hat man einen sehr schönen Blick auf das malerische Githion. Auf der Insel befindet sich auch ein kleines interessantes Burgmuseum. Außerdem sollen hier Helena und Paris ihre erste Liebesnacht auf der Flucht von Sparta nach Troja verbracht haben. Wir sind zwar nicht auf der Flucht und schon garnicht nach Troja, wollen aber heute abend noch nach Kreta übersetzen. Deshalb geht es jetzt noch schnell in das Reisebüro um die Fähre zu buchen. Später sitzen wir in einem kleinen Fischrestaurant direkt am Hafen und schauen uns beim Essen den Sonnenuntergang an. Etwa um 23:00 geht es dann aufs Schiff. Die Nacht auf dem Schiffsdeck ist kurz und unruhig. Auf dem Weg nach Kreta legen wir nämlich noch an zwei weiteren Inseln an, Kithira und Andikithira. Letztere ist so klein, daß die Straße nur im Hafen geteert zu sein scheint. Im dunkeln sieht es so aus, als wenn die beiden aus dem Ort führenden Wege Schotterpisten sind. Früh am morgen, so gegen 6:00 Uhr, legen wir in einem kleinen Hafen, etwas westlich von Kastelli an. Da uns noch die Müdigkeit in den Knochen steckt fahren wir gemütlich an der Küste entlang in Richtung Chania. Die Dörfer die wir durchfahren, wirken genauso verschlafen wie wir. Plötzlich geht Ulli in die Eisen, sie hat ein offenes Café entdeckt und drängt zu einem kleinen Frühstück. Doch außer einem viel zu starken Kaffee und einer viel zu unnötigen Zigarette für die Dame, wird nur noch die Aussicht auf das langsam erwachende Örtchen geboten. Wir sitzen mit geschlossenen Augen in der wärmenden Sonne, die Luft ist nämlich noch relativ kalt. Wenn nicht gerade wieder jemand auf seinem Christenverfolger (wie wir die kleinen viel zu schnellen und viel zu lauten Mofas nennen) auf der Straße vorbeifährt, hören wir das leise knistern der abkühlenden Motoren. Als der Verkehr im Ort langsam zunimmt, machen auch wir uns wieder auf den Weg. Wir fahren bis Agia Marina, ca. 15 km vor Chania, und quartieren uns auf dem im Reiseführer empfohlenen Campingplatz ein. Der Tip war wirklich gut. Der Platz liegt direkt an einem schönen Sandstrand und hat relativ viele schattenspendende Bäume. Das Personal auf dem Zeltplatz glänzt mit einem sehr niedrigen Durchschnittsalter und so können wir beim zweiten Frühstück - endlich gibt es was Handfestes - schon den ersten Tänzern zuschauen, die zu den abwechselnd gespielten griechischen und englischen Titeln, ihr Bestes geben. Bis zum späten Mittag holen wir dann den fehlenden Schlaf nach und verbringen dann den Nachmittag am Strand, wo wir die Route für den nächsten Tag festlegen.

Wir sind jetzt auf der Straße nach Vatolakkos, biegen dort auf einen Schotterweg ab (Carlo jubelt, Ulli wirft böse Blicke) und fahren weiter über Deres und Papadiana in südlicher Richtung. Wir kommen aus der Ebene hoch und streifen die Ausläufer des Lefka Ori. Auf einigen Teilstücken gibt es kaum gerade Strecken, Kurve reiht sich an Kurve, die kleinen Wege schlängeln sich an ausgetrockneten Bachbetten entlang und führen durch Olivenhaine. Hinter einer Kuppe können wir auf einmal wieder das Meer riechen und manchmal sieht man zwischen den Hügeln am Horizont auch kleine blaue Stellen auftauchen. Bald darauf laufen wir in Paleohora ein. Die Stadt liegt auf einer fast völlig vom Wasser umgebenen Halbinsel an deren Westküste sich ein kilometerlanger Sandstrand befindet. Der Ort selbst ist nicht gerade eine Schönheit und ist völlig mit Touristen überlaufen. So haben wir uns das nicht gedacht und schon nach wenigen Minuten suchen wir das Weite. Vor zwei Jahren waren wir schon einmal auf Kreta und haben uns über die von Touristen überlaufene Insel geärgert. Freunde von uns rieten uns damals in den Süden zu fahren, da wäre alles noch ursprünglich und kaum was los. Dies sollte der erste von einer Anzahl an Gegenbeweisen sein. Für den Rückweg an die Nordküste halten wir uns an die einladenden weißen Sträßchen auf der Karte. Oft muß der Asphalt dem Schotter weichen, letzterer läßt sich hier jedoch auch mit der NTV gut fahren. Allerdings hält Ulli großen Abstand zu mir, denn ich kann einfach nicht widerstehen und muß Staub und Steine nur so fliegen lassen. Im Gegensatz zum schmierigen Teerbelag weiß man beim Schotter was man unter den Stollen hat. Die Strecke von Sasalos nach Malatiros fahren wir gleich zweimal. Nicht unbedingt weil sie so schön ist, sondern weil ich im Eifer des Gefechts an der Kreuzung vorbeidrifte und Ulli mir erst in Malatiros, wo ich auf sie warte, die Leviten und die Landkarte (vor)lesen kann. Also wieder zurück (Carlo lacht innerlich, Ulli immer noch böse Blicke werfend), an der Kreuzung richtig abgebogen und bis Floria weiter auf Schotter (Hihi). Fast bis Vukolis geht es dann kurvenreich weiter, eins links, eins rechts, bloß nicht fallen lassen. Je näher wir der Küste kommen, desto weniger Kurven zerren an den Rädern und desto stärker wird der Verkehr. Auf der Küstenstraße geht es zu wie in Frankfurt während der rush hour. Zum Glück haben wir einspurige Fahrzeuge und können uns mal hier und mal da durch das Gedränge schieben. Abends wieder beim Zelt merken wir, daß uns die Hitze und die vielen Kurven doch ziemlich geschafft haben. Am heutigen Tag bekomme ich dann die Strafe für meine ungestüme Schottertour. Es geht nach Chania zum Shopping (ächz, würg). Um zu zeigen, daß es wirklich eine Strafe ist, ein Zitat aus dem Reiseführer: "Wer das erste Mal nach Chania kommt, glaubt gleich wieder Reißaus nehmen zu müssen. Lange Autoschlangen hupen sich ihren Weg durch die viel zu engen Straßenzüge, Busse quälen sich in Zentimeterarbeit um die Ecken - die Stadt erstickt förmlich im Verkehr". Schöner hätte ich das auch nicht formulieren können. Ist man jedoch erst einmal am venezianischen Hafen, sieht die Sache dann schon etwas besser aus. Allerdings stauen sich hier die Touristen. Dicht an dicht stehen hier lauter Verkaufsstände, Laden reiht sich an Laden und Café an Café. Wenn hier etwas weniger los wäre, könnte man sich in Ruhe die regelrecht übereinandergeschachtelten alten Häuser um den Hafen anschauen. Oftmals stehen sie auf antiken Mauern, teilweise sind sogar Reste der venezianischen Stadtmauer und der alten Hafenbefestigung mit einbezogen. Auch Minarette aus der Zeit der Türkenbesetzung findet man hier noch. Später einigen wir uns darauf, daß ich von einer Taverne aus den Hafen überwache und meine Best(i)e derweil die Läden unsicher macht. Nach stundenlanger Warterei kommt ein mit Tüten und Taschen bepacktes Etwas auf mich zu. Natürlich Ulli mit ihren Einkäufen. Nachdem ich unter Androhung weiterer Strafen alles wohlwollend begutachtet habe, verstauen wir die Sachen in den Motorradkoffern. Schließlich nehmen wir uns noch Zeit für ein kleines Handwerksmuseum, in dem (Gott sei Dank) kaum was los ist. Am Abend fahren wir (endlich) wieder durch die Abgaswolken der gestauten Fahrzeuge zurück zu unserem Kunstfaserdomizil. Heute gehen wir früh zu Schlafsack, weil wir morgen schon sehr zeitig zu einer Wanderung durch die Samaria-Schlucht aufbrechen wollen.

Um Punkt 5:00 Uhr stehen wir dann auch an der Bushaltestelle. Wir nehmen deshalb den Bus, weil Start und Ziel unseres Marsches weit auseinanderliegen und wir die Zweiräder nur mit einigen Umständen wieder erreichen könnten. Zunächst einmal geht es nach Chania, dort wechseln wir den Bus und werden dann viel zu schnell über viel zu kleine kurvige Straßen bis nach Xiloskala geschaukelt. Hoffentlich weiß der Busfahrer, daß mir von so etwas immer schlecht wird. Aber allen Widrigkeiten zum trotz halte ich durch und alles in mir. Die Tür öffnet sich und spuckt uns mit ca. 30 weiteren Wanderwilligen aus. Alle anderen laufen gleich zu den am Eingang der Schlucht stehenden Buden und kaufen Souveniers, Getränke und Eßbares. In weiser Voraussicht haben wir schon alles dabei (außer den Souveniers natürlich) und können gleich losmarschieren. Am Anfang der Schlucht geht es recht steil bergab, kleine Serpentinen wechseln sich ab mit halbverfallenen Treppen und morschen Geländern. Einige der Mitstreiter hätten sich doch besser an die Ratschläge in den Reiseführern halten sollen. Sandalen und sogar Schuhe mit stöckelähnlichen Absätzen haben hier wirklich nichts zu suchen. Und so wundern wir uns nicht über einige Leute die wieder umkehren und nach oben humpeln. Die Samaria-Schlucht ist die größte Schlucht Europas. Sie führt vom Omalos-Plateau, einer fast alpinen Hochgebirgslandschaft in 1.200 m Höhe, hinunter zum Libyschen Meer. Die gesamte Strecke ist 18 km lang und nur zu Fuß zu bewältigen. Am Ende der Schlucht rücken die bis zu 600 m hohen senkrechten Felswände bis auf einen nur noch 3 m breiten Durchgang zusammen. Im Winter, ja bis weit in den April hinein, ist die Schlucht völlig überschwemmt und unpassierbar. Sicher ist die Durchwanderung im Frühsommer ein größeres Erlebnis. Wahre Blumenmeere bedecken dann die Felswände, kleine Bäche plätschern durch die Schlucht und die Temperatur ist sicher erträglicher. Jetzt im Hochsommer ist alles kahl und vertrocknet, die Felswände reflektieren die Hitze und nur in wenigen Vertiefungen des Bodens sammeln sich spärliche Rinnsale. So sind wir froh, nach ca. 5 Stunden Agios Roumeli an der Küste zu erreichen. Hier werden wir von einigen Tavernen und Kafenions erwartet, deren Preistafeln Erinnerungen an das vielzitierte alte Rom wecken. Von hier aus gibt es nur zwei Wege zurück. Entweder die Schlucht wieder aufwärts erklimmen, oder den von uns bevorzugten, mit dem Schiff nach Loutro übersetzen und von dort aus wieder mit dem Bus zurück nach Chania. Dort steigen wir, nach 2 Stunden Wartezeit im Busbahnhof, wieder in einen anderen Bus um, der uns allerdings nur bis in die Nähe unseres Campingplatzes bringt. In dunkler Nacht müssen wir mit schmerzenden Gliedern noch ca. 2 km durch die Landschaft latschen, bis wir endlich wieder in unserem Zwei-Personen-Bungalow liegen können. Morgen, so nehmen wir uns vor, morgen legen wir erst einmal einen Strandtag ein.

Am übernächsten Tag fahren wir dann mitsamt unserem Hausstand bis kurz hinter Heraklion weiter. Von dort aus fallen wir eine Woche lang über den mittleren Teil der Insel her. Fast keine Straße wird ausgelassen und leider auch fast keine Stelle gefunden, wo sich nicht doch ein mehr oder weniger großer Haufen Pauschalis breit gemacht hat. Außerdem erkunden wir von hier aus auch die berühmte Lasithi-Hochebene, mit ihren angeblich 10.000 Windmühlen. Früher muß es die wirklich gegeben haben aber seit die Wasserpumpen mit Benzinmotoren angetrieben werden, sind meist nur noch rostige Gestelle übrig. Von einer Anhöhe aus bietet sich ein wirklich imposanter Überblick und man erkennt, daß doch noch die ein oder andere Windmühle in Betrieb ist, oder sich zumindest die Flügel drehen. In einem der am Wege liegenden Dörfer kauft Ulli noch zwei handgestickte Tischtücher. Daraufhin werden wir vom Großvater der Ladeninhaberin zu einem Gläschen Raki eingeladen. Nachdem wir unzählige Male abgelehnt haben fühlen wir uns doch noch verpflichtet und unter einem Hustenanfall stürze ich das Zeug hinunter. Ulli, die ich nur als halbmilitante Antialkoholikerin kenne, schluckt den Schnaps wie Wasser. Irgendwas verschweigt sie mir! Bevor wir in den östlichen Teil der Insel umziehen, machen wir von Heraklion aus mit dem Schiff einen Tagesausflug nach Santorini. Die Überfahrt dauert mehrere Stunden, weshalb wieder einmal ein früher Aufbruch notwendig ist. Wir kommen nicht zum ersten Mal zu dieser schönen Insel sind aber wieder fasziniert von diesem Anblick. Vom Schiff aus blickt man fast senkrecht nach oben auf die tiefschwarze Wand, auf dessen Grat sich die weißen Häuser der Hauptstadt Thira ducken. Diese im Mittelmeer wohl einzigartige Insel, erhielt ihre jetzige Form vor ca. 3.000 Jahren. Die bis dahin etwa kreisrunde Insel wurde durch eine gewaltige Eruption zerrissen. Nur einige Teile der schroffen, bis zu 300 m hohen Kraterwand blieben stehen und bildeten die halbkreisförmige Hauptinsel Thira und zwei weitere kleinere Inseln, Thirassia und Aspronissi. In die nach der Eruption verbliebene, hunderte von Metern tiefe Krateröffnung drang Meerwasser ein, so daß das ganze Gebilde heute an ein Korallenatoll erinnert. Später entstanden durch weitere Eruptionen in der Mitte des Kraters noch die Inseln Palea Kameni ("alte Verbrannte") und Nea Kameni ("neue Verbrannte"). Bis heute ist die Vulkantätigkeit nicht erloschen und Santorini ist der einzige noch sporadisch tätige Vulkan des östlichen Mittelmeers. Mittlerweile wurden wir von einem kleineren Boot vom Schiff zum Hafen gerudert und können zwischen drei Möglichkeiten wählen, die Steilwand zu erklimmen. Am einfachsten geht das mit der Seilbahn, zu Fuß ist die anstrengende Variante und wir wählen natürlich den Eselsrücken. Es ist schon ein kleines Abenteuer den schmalen Stufenweg, der in engen Kehren zum Gipfel führt, auf einem Esel zurückzulegen. Kaum steht ein Telegrafenmast oder ein vorspringender Felsen am Wegesrand, wissen die Esel auch schon wie sie mit einer kleinen Bewegung das Bein des Reiters dagegen stoßen können. An einigen Stellen kann man sogar noch Hautfetzen und kleine Blutflecke entdecken. Oben angekommen, stehen wir sofort im dicksten Touristenrummel der Hauptstadt Thira. Natürlich rennt Ulli sofort zu den Schmuckgeschäften und schaut sich Gold und Geschmeide an. Goldene Delphine haben es ihr besonders angetan. Nach dem Chaostag in Chania hat sie sich zwar keinen verdient aber man ist ja nicht so. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Nach einem kühlen Softdrink am Marktplatz, entern wir ein Taxi und fahren fast bis zum anderen Ende des Halbkreises nach Akrotiri. Dort in der Nähe gibt es eine Ausgrabungsstätte. Die Anlage ist völlig überdacht und beherbergt ein über 3.000 Jahre altes Dorf, das beim damaligen Ausbruch mit Asche zugeschüttet wurde. Man fühlt sich regelrecht um Jahrtausende zurück versetzt, wenn man auf dem antiken Marktplatz steht und sich die umstehenden alten Häuser betrachtet. Besonders bemerkenswert ist, daß es hier damals schon Toiletten mit Wasserspülung gab. In Mitteleuropa ist man zu dieser Zeit noch mit der Keule durch den Wald gesprungen. Während wir später draußen vor der Ausgrabungsstätte auf ein Taxi warten, sammeln wir noch einige schöne Lavasteine für unseren Zimmerbrunnen zu Hause ein. Was man nicht alles auf einem Motorrad mitschleppen kann? Dann lassen wir uns vom Taxifahrer noch ein wenig die Insel zeigen, wie zum Beispiel die schwarzen Strände an der flach abfallenden Seite der Insel. Wir besuchen einige sehr schöne griechisch-orthodoxe Kapellen und lassen uns auch in die Kunst des griechischen Weinanbaus einweihen. Leider müssen wir schon bald zum Hafen zurück. Auf der Rückfahrt nach Kreta kommen wir in die Dämmerung und wir versuchen auf dem vibrierenden und in der See stampfenden Schiff ein wenig die Augen zu pflegen.

Tags darauf packen wir unsere Siebensachen und fahren in östlicher Richtung bis hinter Agios Nikolaos, einer der vielen Orte in Griechenland, der diesen Namen trägt. Bei Pahia Ammos finden wir einen kleinen Campingplatz, den wir sofort in Beschlag nehmen und unsere weiteren Touren planen. Von hier aus machen wir den ganzen Ostteil der Insel unsicher und versuchen wieder einmal Orte zu finden, an denen uns nur wenige Touristen begegnen. Wie Anfangs schon angedeutet, finden wir solche Stellen natürlich nicht. Die einzige Möglichkeit den Strömen zu entrinnen ist früh aufstehen und vor allen anderen unterwegs zu sein. Am Palmenstrand von Vai, weit im Osten bei Palekastro sind wir schon vor 7:00 Uhr morgens und werden mit einem super Anblick belohnt. Ein menschenleerer von Palmen eingerahmter Strand, fast fühlt man sich in die Südsee versetzt. Wir bleiben fast eineinhalb Stunden dort zum Baden, puh ist das um diese Zeit noch frisch, zum Sonnen und Fotografieren.

Leider ist heute unser letzter Tag auf Kreta. Morgen geht es wieder zurück zum Festland. Trotz der Widrigkeiten die der Massentourismus mit sich bringt, war unser Kretaaufenthalt kein schlechter Urlaub. Als Frühaufsteher und verkehrstechnisch unabhängig, konnten wir uns viele Sehenswürdigkeiten auch ohne Rummel ansehen. Ab ca. 9:00 Uhr beginnt allerdings das Ausschwärmen der Pauschis mit Mietwagen, Roller, Bussen und Booten. Natürlich habe ich nichts gegen die Leute persönlich, schließlich sind wir genauso Touristen, nur das massenhafte Auftreten regt mich halt auf. Vielleicht sollte man einmal zu einer anderen Jahreszeit hierher kommen, vor oder nach der Saison, schließlich ist Kreta eine schöne Insel. Für die nächsten Jahre allerdings haben wir erst einmal genug davon. In Zukunft versuchen wir Reiseziele zu finden, die zwar mit dem Motorrad erreichbar sind, aber (noch) nicht dem Massentourismus ausgeliefert sind.



Homepage: http://reiseenduro.de/users/carlo/reise/berichte/kreta92.htm

 
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Info Reisebericht
Reiseland: Griechenland
Datum der Reise: 1992
Dauer der Reise:
Autor: Giancarlo Albrecht
Aufrufe bisher: 3581

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