"Und sie ist doch rund!" - Neuseeland - Reisebericht und Reiseplanung - Private Reiseberichte und Reiselinks aus aller Welt - Eric Gessmann - Hünxe 
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"Und sie ist doch rund!" - Neuseeland

"Und sie ist doch rund!" - Neuseeland

Tanz auf dem Vulkan

Nur vier Flugstunden sind nötig, um nach Neuseeland, dem unserer Heimat fernsten Land, zu gelangen. Nach der Landung am späten Abend in Auckland, wo mit einer Millionen Einwohnern schon ein Viertel der gesamten Landesbevölkerung beheimatet ist, haben wir erst einmal einige Probleme, uns eine Schlafgelegenheit zu organisieren. Im Rocklands Hostel finden wir dann doch noch eine Herberge, die im Gegensatz zu ihrer ansehnlichen Außenfassade im Innern allerdings eher ungemütlich und kalt wirkt. Leider läßt auch das hiesige Regenwetter zu wünschen übrig. Wir haben sogar noch Glück, nur das Ende eines abklingenden Wirbelsturms, dessen Wüten vielerorts heftige Schäden angerichtet hat, mitzuerleben.

Bei der Erkundung der Millionenstadt am folgenden Tag sind wir darüber verwundert, daß es doch eher ruhig und etwas hinterwäldlerisch zugeht. Fast jedes Haus besitzt entgegen unserer Vorstellung von einer Großstadt sogar seinen eigenen Vorgarten, wie wir vom One Tree Hill aus beobachten können. Dieser aus der Ferne filigran daliegende Hügel, auf dem sich nur ein einsamer Baum und ein einzelnes Monument befinden, thront über der grünen Stadt und eröffnet uns, dort angekommen, einen Ausblick über die gesamte Gegend. Außer diesem Ort kann uns eigentlich nur noch die Parnell Road, ein Straßenzug mit kleinen, in alten Kolonialhäusern untergebrachten Läden und Boutiquen, so richtig begeistern.

Wir verbringen drei Nächte in Auckland und nutzen die Zeit, um unseren Neuseelandaufenthalt zu organisieren, denn uns bleiben nur knapp drei Wochen, um das Vorhaben, sowohl die Nord- als auch die Südinsel zu bereisen, in die Tat umzusetzen. Also mieten wir uns erst einmal für diesen Zeitraum ein Auto, mit dem wir unser erstes Ziel, die Coromandel Halbinsel, ansteuern.

Hier zeigt sich uns Neuseeland das erste Mal so, wie man es sich aus der zwanzigtausend Kilometer entfernten Heimat immer vorgestellt hat. Das Regenwetter hat sich verzogen, und so fahren wir mit dem Mietwagen unter strahlend blauem Himmel am Meeresufer entlang. Wir gelangen in den verschlafenen Ort Coromandel, den viele Einwohner Aucklands zu Kurzurlauben nutzen. Dem Verlauf der Straße folgend verlassen wir die Küste und fahren hinauf in eine in frischem Grün gehaltene hügelige Wiesenlandschaft. Hinter nahezu jeder Kurve erwartet uns ein anderer traumhafter Panoramaausblick auf die Spitze der Halbinsel mit den zahlreichen ihr vorgelagerten Inseln, die aufgrund des Schauspiels der im Meer sich reflektierenden Sonne uns wie in einen Spiegel eingefaßt erscheinen.

Gegen Abend finden wir, da in Neuseeland gerade die Sommerferien begonnen haben, nur mit einigen Schwierigkeiten noch eine Unterkunft im Dorf Whitianga, das an der Mercury Bay, einer riesigen Bucht gelegen ist. Wir beziehen eine Cabin, eine kleine und zweckmäßig eingerichtete Hütte, wie man sie hierzulande auf Campingplätzen anmieten kann.

Obwohl wir schon früh im Bett liegen, beginnt für uns der nächste Tag erst am späten Vormittag. Nach einem ausgiebigen Frühstück fahren wir zunächst zum Hot Water Beach. An diesem Strand kann man in dem Wasser von heißen unterirdischen Quellen baden, wenn man sich bei Ebbe eine etwa einen Meter tiefe Kuhle in den Sand gräbt. Doch wir haben das Pech, daß gerade die Flut beginnt, und somit entgeht uns leider dieses Erlebnis. Also fahren wir weiter in das nahegelegene Dorf Hahei und machen uns auf der Höhe der Felsenküste zu einem Marsch in Richtung einer, wie wir es zuvor gelesen haben, gewaltigen Höhle, der Cathedral Cave, auf. Nach etwa einer Stunde beginnt der Weg abzufallen und bald stehen wir am Strand einer kleinen, von hohen Felsen eingeschlossenen Bucht. Zu unserer Linken befindet sich die breite, nach oben spitz zulaufende Aushöhlung in den Klippen, die zu beiden Seiten geöffnet einen Durchlaß zu einem weiteren Sandstrand bildet. Wir gehen hindurch und lassen die imposante Szenerie erst einmal eine Zeit lang auf unsere Sinne einwirken.

An diesem außergewöhnlichen Ort wagen wir uns zudem zum ersten und einzigen Mal im Heimatland der Maori, den neuseeländischen Ureinwohnern, ins Meer. Denn wir erfahren anhand eines mehr als nur erfrischenden Bades schnell und intensivst die klimatischen Unterschiede zwischen den erst kürzlich bereisten australischen Tropen und dem subtropischen Klima Neuseelands. Doch wissen wir auch, daß unser Campingplatz mit einer kleinen Sauna aufwarten kann, und so haben wir nun nicht mehr den geringsten Zweifel an der Gestaltung des nahenden Abends.

Aufgrund unseres straffen Zeitplans treten wir bereits am folgenden Tag die nächste Etappe an. Auf dem Weg nach Süden erreichen wir mit Einbruch der Dunkelheit die kleine Stadt Roturua, die als Zentrum der Maori Kultur und aufgrund der geothermischen Aktivitäten in ihrer Umgebung zu den bekanntesten touristischen Zielen des Landes zählt. An vielen Stellen sieht man Wolken aus weißem Wasserdampf emporsteigen. Der daraus resultierende Schwefelgeruch, der über der ganzen Stadt hängt, ist allerdings mehr als gewöhnungsbedürftig. In unserer Backpacker Unterkunft gibt es dann auch einen Pool, der von einer hauseigenen Quelle mit heißem Wasser gespeist wird und auch für unsere ermüdeten Knochen noch einen Platz zu bieten hat.

Zwar bleiben wir auch in dieser Gegend nur einen Tag, kommen aber währenddessen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Man spürt regelrecht, daß die Erde hier nicht ruht. Besonders beim Besuch des Whakarewarewa, einem Heiligtum der Maori, sind wir restlos verblüfft. Innerhalb dieses Stück Lands, das man sich problemlos zu Fuß erlaufen kann, sind kochende und blubbernde Schlammlöcher genauso normal, wie dampfende Erdmulden und heiße Quellen. Hier können wir auch zum ersten Mal einen Geysir in natura beobachten. Die Naturgewalt ist uns selten so bewußt gewesen, wie in dem Augenblick, in dem erst langsam ein Grollen wie von Donner einsetzt und dann aus einem unscheinbaren Erdloch plötzlich kochend heißes Wasser unter einem immensen Druck in einer Fontäne senkrecht nach oben gen Himmel sprüht.

Die kommende Station im Land auf der anderen Seite der Erdkugel soll für uns die verhängnisvollste überhaupt werden, was wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht annähernd ahnen können.

Um Taupo, die nächste Stadt auf der uns selbstgesteckten Route zu erreichen, benötigen wir mehr als einen halben Tag, denn die Entfernungen sind groß in diesem Land und die Highways besitzen für jede Fahrtrichtung nur eine einzige Spur. Taupo ist am gleichnamigen Lake Taupo, dem größten See des Landes gelegen. In weiter Ferne bietet sich am gegenüberliegenden Ufer ein erster Ausblick auf den Tongariro Nationalpark, unserem Tagesziel. In dem aus den drei Vulkanen Tongariro, Ngauruhoe und Ruapehu bestehenden Nationalpark beziehen wir ein Zimmer in einer Lodge am Fuße der Vulkane. Von hier aus wollen wir morgen das Tongariro Crossing starten, eine Tageswanderung über eine Distanz von siebzehn Kilometern quer durch das Vulkanplateau des Tongariro, das sich aus mehreren Kratern zusammensetzt. Die Tour steigt bis auf eintausendundachthundert Meter an und soll bei gutem Wetter zu den schönsten Neuseelands gehören, bei gutem Wetter eben...

Es ist der Morgen des neunzehnten Januar, als der Bus uns und ein paar andere Tramper, wie sich die Wanderer in Neuseeland bezeichnen, zum Mangatepopo Parkplatz, dem Ausgangspunkt des Trips, bringt. Die einheimische Fahrerin des Busses, die sich im alpinen Vulkangebiet offensichtlich bestens auskennt, fragt uns alle noch einmal, ob wir wirklich losgehen wollen, denn es regnet und auch der Wetterbericht verspricht keine Besserung. Nachdem sie uns über die möglichen Wetterlagen auf dem Gipfel unterrichtet hat, sind wir auch ein wenig skeptisch und überlegen, ob wir das Vorhaben nicht besser aufgeben sollen. Doch wir sind mit Abstand die Jüngsten im Bus und keiner der anderen macht irgendwelche Anstalten wieder zurückzufahren. Außerdem bietet sich die Busfahrerin an, in drei Stunden noch einmal zum Ausgangspunkt zurückzukehren, um diejenigen einzusammeln, denen es zu hart werden würde. Nach dem Motto "no risk, no fun!" nehmen wir, zu alledem auch noch schlecht ausgerüstet, die Herausforderung an, und starten ins Abenteuer. Zu Anfang führt uns der leicht ansteigende Weg durch einen erkalteten Lavastrom hinauf zu einer Quelle mit dem Namen Soda Springs, wo wir nach einer Stunde ankommen. Wir hatten uns entschlossen in Shorts zu starten, die schon jetzt vom stetigen Regen ziemlich durchnäßt sind. Zudem frieren uns vom unablässig pfeifenden Wind die Beine, und so denken wir an diesem Punkt der Tour darüber nach, vielleicht doch besser den Rückweg anzutreten, denn hier bietet sich zum letzten Mal die Chance dazu. Allerdings haben wir noch jeweils eine Jogginghose in unseren Tagesrucksäcken, was uns, nachdem wir die langen Beinkleider angezogen haben, erneut motiviert. Zudem ist der nächste Abschnitt der steilste, und wir sind froh darum, denn die körperliche Anstrengung beim Aufstieg läßt so etwas wie Wärme in uns aufkommen. Je höher wir klettern, um so stärker weht der Wind. Nach einer weiteren halben Stunde stehen wir am Rand des südlichen Kraters, und als wir durch die windgeschützte Senke des ehemaligen Vulkanschachts marschieren, denken wir, das Schlimmste überstanden zu haben.

Schon der nächste Anstieg belehrt uns eines Besseren. Den Südkrater unter uns lassend steigen wir einen schmalen Pfad hinauf zum Red Crater. Nebel verhüllt uns die Sicht, so daß wir nur ahnen können, wie tief die Steilhänge zu beiden Seiten abfallen. Jeder Schritt ist ein Wagnis, denn es stürmt so sehr, daß wir uns mit dem gesamten Körper gegen die Böen legen müssen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. In physisch und psychisch desolatem Zustand erreichen wir mit dem Kraterrand den höchsten Punkt der Tour. Der Wind läßt zum Glück wieder etwas nach, als wir von dort auf einem Hang aus grober Asche, mehr hinunterrutschend als gehend, in den South Crater vorstoßen. Diesen durchqueren wir mit strammen Schritt, wir gehen so schnell wir können, um nur ein Minimum an Körperwärme zu bewahren und haben nur das eine Ziel vor Augen, die Ketatahi Hut, eine noch einige Kilometer entfernte Berghütte. Die Freude und Erleichterung, diese nach einer weiteren Stunde Marsch erreicht zu haben, ist einfach unbeschreiblich. Wir sind die schnellsten von allen, es ist zwölf Uhr mittags. Somit haben wir die Strecke bis hierher in nur drei Stunden erlaufen. Lange Zeit verbringen wir am Ofen der Hütte, zum einen, um uns selbst wieder aufzutauen, und zum anderen, um unsere Klamotten, die auf diesem zum Trocknen liegen, alle fünf Minuten zu wenden, damit sie nicht verbrennen. Von Brot und Schokolade gestärkt brechen wir erst einige Zeit später wieder zu dem noch zwei Stunden Fußmarsch weit entfernten Treffpunkt auf, an dem uns der Bus wieder abholen wird. Die Beine sind zwar schwer, doch unsere Gemüter hellen sich langsam wieder ein bißchen auf. Das letzte Stück wandern wir, nachdem wir die Baumgrenze passiert haben, durch subtropischen Buschwald und genießen es, sowohl wieder Grün zu sehen, als auch das Zwitschern einiger Vögel zu hören. Wir und auch die anderen Wagemutigen haben es geschafft. Alle sind zwar vollkommen fertig, doch nicht minder Stolz darauf, die selbst gestellte Aufgabe überstanden und den Berg besiegt zu haben.

Wir taufen die Tour den "Walk to survive" und fallen am Abend zwar total todmüde und ausgelaugt, aber mindestens ebenso aufgekratzt ins Bett. Am folgenden Tag sind wir zu nichts fähig und Matthias hat leichtes Fieber. Das Nachspiel des Tongariro Crossings beginnt.

Da wir die noch verbleibenden dreihundertfünfzig Kilometer zu der an der Südspitze der Nordinsel liegenden Landeshauptstadt Wellington nach den Anstrengungen der letzten Tage gemütlich zurücklegen wollen, sitzen wir am nächsten Morgen schon früh im Auto. Doch bereits nach fünf Minuten Fahrt steigt aus der Motorhaube Dampf auf, der Motor ist heißgelaufen. Wir müssen den Wagen abschleppen lassen und warten bis zum Nachmittag bis die Reparatur abgeschlossen ist. Dennoch haben wir auch bei dieser Panne noch Glück im Unglück, denn die Autovermietung übernimmt alle uns entstandenen Kosten. Bleibt noch anzumerken, daß auch diese Episode lange nicht das letzte Malheur in Sachen Autodefekte darstellt.

Matthias hängt im weiteren Tagesverlauf ziemlich durch. Er liegt halb schlafend auf dem Beifahrersitz und macht dabei ganz und gar keinen fitten Eindruck. In der Hauptstadt angekommen geht er somit auch, nachdem wir die Nacht im Downtown Backpackers geschlafen haben, zu einem Arzt. Die Diagnose ist alles andere als beruhigend, denn er hat sich eine Angina eingefangen. Und das zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt, denn heute Nacht geht unsere Fähre zur Südinsel. Trotz der Situation wollen wir aber auch Wellington, durch dessen Straßen ein stetiger und ungemütlicher Wind am Pfeifen ist, nicht ganz unentdeckt lassen. Doch als sich der fiebernde Matthias, während er sich über eine Straße schleppt, über die für sein subjektives Empfinden offensichtlich zu kurzen Ampelphasen beschwert, beschließen wir den Rest des Tages doch besser im Aufenthaltsraum des Hostels zu verbringen. Am späten Abend machen wir uns auf den Weg zum Fährterminal. Der Patient ist nicht einmal mehr dazu in der Lage auch nur "Pap" zu sagen. Nachdem wir auf der Fähre eingecheckt haben, finden wir zum Glück eine einigermaßen ruhige Ecke, wo er sich im Schlafsack auf den Boden legt und die komplette dreistündige Überfahrt schläft. Um zwei Uhr nachts gehen wir in dem Ort Picton wieder an Land und fahren bei Todesstille im Auto noch weitere einhundert Kilometer nach Süden. Total fertig halten wir irgendwo an der Pazifikküste an, wo wir bis zum Morgengrauen im Auto schlafen.

Von der aufgehenden Sonne geweckt, entdecken wir in unmittelbarer Nähe ein Café, was auf der großen und dünn besiedelten Insel nahezu einem kleinen Wunder gleichkommt. Wie auch immer, wir sind froh, ein Frühstück zu bekommen und schöpfen aus dem Anblick der von kahlen Gebirgsketten gesäumten Küste fürs erste neue Kräfte. Nach zwei Stunden Aufenthalt in dieser imposanten Umgebung legen wir noch den Rest der Strecke nach Kaikoura, einem kleinen Küstenort, wo wir am frühen Mittag ein Zimmer beziehen, zurück. Matthias ist restlos hinüber und sieht nun endlich ein Bett, aus dem er die nächsten vierundzwanzig Stunden auch nicht mehr aufsteht.

Zu allem Unglück verhält sich jetzt auch noch Oliver ungewollt solidarisch, denn ihm schwinden ebenso langsam seine Kräfte. Er muß sich wohl an Matthias Streptokokken angesteckt haben. Entsprechend unseres elenden Zustands fahren wir nur im Kriechtempo weiter nach Christchurch, der zweitgrößten Stadt Neuseelands. Tags darauf läßt sich auch Oliver von einem Arzt die vermutete Mandelentzündung bestätigen. Nur mit letzter Kraft schleppen wir uns über den Cathedral Square, den zentralen Platz im Zentrum der Stadt, auf dem zufälligerweise gerade eine Jazz-Band ihr Können darbietet. Leider sind wir nicht in der richtigen Verfassung, die sommerliche Stimmung so richtig genießen zu können, doch wir nehmen die Gelegenheit wahr und legen in der angenehm wärmenden Mittagssonne auf dem Platz eine Pause ein. Nachmittags wollen wir im Antarctic Center, einem riesigen Informationszentrum über die Antarktis, mehr über diesen so unbekannten Kontinent erfahren. Doch bereits nach wenigen Minuten meldet sich Oliver endgültig k.o.. Von da an verbringt auch er erst einmal einige Zeit im Bett. Matthias, dem es hingegen mittlerweile schon wieder etwas besser geht, macht sich also alleine auf Erkundungstour durch Christchurch, das durch seinen britischen Charme zu bestechen vermag. Außerdem ist gerade Wochenende und im Arts Center, dem Künstlerviertel der City, findet ein Festival statt, auf welchem einige Freaks und Komiker ein witziges und freches Unterhaltungsprogramm zu ihrem Besten geben.

Am darauffolgenden Tag liegt eine lange Autofahrt durch die nahezu unendliche Einsamkeit der Südinsel nach Queenstown vor uns. Sei es die Aussicht über den Lake Pukaki auf den Mount Cook, den höchsten Berg des Landes, oder der Blick von der historischen Kawarau-Brücke in eine atemberaubende Schlucht, die Schönheit der Landstriche, die wir mit unserem Mietwagen durchstreifen, sind eine Wohltat für die Seele. In Queenstown, der Stadt in Neuseeland mit einem äußerst vielseitigen Angebot an abenteuerlichen Outdooraktivitäten, beziehen wir abermals eine Cabin auf einem Camping-Platz. Oliver ist nach wie vor zu keiner körperlichen Anstrengung fähig. Vielmehr scheint er das ihm verordnete Penicillin nicht ganz zu vertragen. Somit nutzt er den Aufenthalt im Actionparadies, um sich zu kurieren. Wenn man von all dem Trubel absieht, ist es dafür gar kein schlechter Ort. Wie fast überall auf der Südinsel ist die Gegend einfach ein Traum. Berge, deren zackige Konturen sich scharf vom blauem Himmel abgrenzen, umschließen wie Kulissen den Wakatipu See, an dem das Städtchen im bewaldeten Hang einer Bucht liegt.

Matthias hingegen strotzt schon wieder vor Unternehmungslust. So beschließt er nach langen Überlegungen, den ultimativen Bungysprung von einer Pipeline aus über hundert Metern Höhe zu wagen. Bungy, das seinen Ursprung in einem Mannbarkeitsritus der Polynesier hat, gehört zu einer typischen Aktivität der Kiwis, wie sich die Neuseeländer sowohl wegen des ausschließlich hier beheimateten und fast blinden Nachtvogels gleichen Namens, als auch aufgrund der hier wachsenden und weltbekannten Frucht selbst nennen. Mit gehörigen Respekt vor dem, was kommen wird, macht sich Matthias also am nächsten Morgen auf zum Skippers Canyon, wo die Herausforderung auf ihn wartet. Mit einer Horde weiterer Verrückter fährt er in einem Jeep entlang fast senkrecht abfallende Straßen immer nahe dem Abgrund zur Pipeline, die über eine kolossale Schlucht, in deren Grund ein kleiner Fluß dahinplätschert, führt. Nachdem er bereits eine Stunde schweißgebadet auf der schmalen Brücke über der Pipeline steht und sich schon mehrmals die Frage nach dem Sinn dieser Aktion gestellt hat, ist für ihn der Moment der Entscheidung gekommen. Mit einem Gummiseil um die Knöchel geknotet hoppelt er, ähnlich wie beim Sackhüpfen, auf dieses schmale Stückchen Holz, von dem er in wenigen Augenblicken springen soll. Schon die Momente vor dem Sprung sind unbeschreiblich. Die unterschiedlichsten Gefühle mischen sich miteinander. Da ist einerseits das "bißchen!?" Angst, andererseits die Erwartungen an den Adrenalinstoß. Wie auch immer, der Countdown erklingt: "Three, Two, One". Ohne noch einmal darüber nachzudenken springt Matthias in weitem Bogen in die Tiefe. Dabei erlebt er ein Feeling, das man nicht in Worte fassen kann - es ist der absolute Kick!

Noch ein paar mal auf- und abschnerren wie ein Flummi, dann ist es auch schon vorbei. Ein Boot steht bereit um ihn ans sichere Ufer zu bringen, wo er sich erstmal vom Taumel der Sinne erholt.

Auch Oliver hat sich mittlerweile erholt, und so machen wir uns wieder auf gen Norden, denn in drei Tagen geht unsere Fähre zurück zur Nordinsel. Den langen Weg legen wir diesmal entlang der rauhen Westküste zurück, an der es noch so einiges zu bestaunen gibt. So machen wir sowohl einen Abstecher zum Fox Glacier, einem eindrucksvollen Gletscher der Südalpen, als auch zu den Pancake Rocks, deren Felsformationen im Sinne der Namensgebung wirklich an übereinandergestapelte Pfannkuchen erinnern. Wieder in Picton beziehen wir für eine kurze Nacht eine nostalgische Unterkunft. Wir schlafen in einem alten und liebevoll hergerichteten Eisenbahnwagon, über dem eine stark frequentierte Eisenbahnbrücke dafür sorgt, daß uns das Ganze auch richtig authentisch erscheint. Schon früh am Morgen legt unsere Fähre in Richtung Wellington ab. So kommen wir sogar in den Genuß, die Dämmerstimmung im Fjordland der Marloborough Sounds miterleben zu dürfen. Bereits Auckland, dem Ausgangspunkt und Endziel unserer Neuseelandsrundreise vor Augen, fahren wir wieder an Land noch etliche Kilometer weiter bis in den Ort Te Kuiti. Hier besichtigen wir am darauffolgenden Mittag die Waitomo Caves, eine dunkle Höhle, an deren Decke abermillionen Glühwürmchen einen Sternenhimmel vorzutäuschen versuchen.

Wie schon so oft nehmen wir auf unseren Autofahrten einige Anhalter mit, die uns immer irgendwie die Zeit zu verkürzen wissen. So führen wir beispielsweise mit einem humorvollen, wenn auch leicht makaber angehauchten Israeli, ein amüsantes Gespräch über Gott und die Welt. Dieser macht aus seinem Heidendasein alles andere als einen Hehl, denn er antwortet uns auf die Frage "do you believe in god?" nur kurz und trocken, "yes, I do. I believe that it is good for others!". Ebenso kommen wir auf diese Art mit Langzeittravellern, die sich die Welt zu ihrer Heimat gemacht haben und schon seit Jahren unterwegs sind, ins Gespräch. Mit Gelegenheitsjobs halten sie sich über Wasser. Wenn das Geld wieder für ein Flugticket reicht, reisen sie weiter in ein anderes Land.

Auch wir fliegen morgen wieder weiter in ein neues Kapitel unserer Weltumrundung. Also heißt es jetzt Abschied nehmen vom schönsten Ende der Welt, was wir, wenn auch für ein Naturparadies ziemlich untypisch, mit einer langen Samstagnacht im Partyleben Aucklands mehr als gebührend tun.



Homepage: http://backpacker-tagebuch.webkonzept.com/start6.htm

 
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Info Reisebericht
Reiseland: Neuseeland
Datum der Reise: 1996-1997
Dauer der Reise:
Autor: Marc Oliver Kulter
Aufrufe bisher: 1747

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